Aufmerksamkeitsfenster

Resume Will man relevante Wissensprodukte in eine Gruppe einspeisen (Klasse oder Internetcommunity) so muss man auf der Lauer sein, bis ein Aufmerksamkeitsfenster sich öffnet. Dann muss man rasch soviel Stoff einspeisen wie die Zeit es erlaubt.

1. Häppchen oder Braten? Informationen und Lustgewinn

An anderer Stelle habe ich ausgeführt, dass die Verarbeitung von Informationen ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist. Ich habe auch erklärt, dass die Befriedigung dieses Bedürfnisses mit großer Freude (Kicks) verbunden ist, damit wir uns überhaupt der Suche nach Informationen widmen (wichtig für die Lebenserhaltung).  Nun verhält es sich mit Informationen wie mit Häppchen vor dem Essen: je einfacher und schneller man sie konsumieren kann, desto attraktiver. Will ich, dass die Leute den Braten essen, darf ich keine Häppchen im Zimmer auslegen: der Lustgewinn bei Häppchen ist unmittelbar (Mc Donald-Effekt), den Braten zu essen ist anstrengender. Natürlich ist die Wirkung des Bratens nachhaltiger, aber der Kick kommt mit Häppchen sofort. So ist es auch im Unterricht, so ist es auch im Internet.

2. Aufmerksamkeitsfenster im Unterricht schaffen

Die Informationen, die ich im Unterricht vermitteln möchte, sind komplex und anstrengend zu verarbeiten. In den letzten Stunden habe ich beispielsweise in meiner 11.Klasse (Französisch) die UNO, die Finanzkrise (Bretton Woods und Keynes), die Piraterie vor Somalia, den Übergang vom Mittelalter zur Renaissance (Paradigmenwechsel) und morgen werde ich die Spannungen zwischen Moslems und Hindus in Indien bearbeiten lassen. Wenn ich also will, dass die Schüler sich diesem Informationsbraten widmen, darf ich keine Informationshäppchen herumliegen lassen (Geschwätz, Ablenkungen aller Arten). Es muss absolute Ruhe herrschen. Da die Schüler nicht 45 Minuten lang hochkonzentiert sein können, stehe ich auf der Lauer und sorge dafür, dass sie (bildlich) immer wieder wie kleine Vögel den Mund aufmachen damit ich besonders harte Wissensbrocken hineinschieben kann.

3. Und im Internet?

Im Internet ist es ähnlich. Es liegen überall kleine Informationshäppchen herum, die schnell konsumierbar sind und gleich intensive Kicks verschaffen. Wenn ein Zimmer leergegessen wurde, rennt man in das nächste. Besonders attraktiv sind diese Häppchen deshalb, weil sie mit Interaktionen garniert sind. Es macht Spaß, mit jemanden über das Wetter oder über tools zu kommunizieren. Dies kann man gut in Twitter beobachten, aber auch bei Blogs, die die hierarchisch höhere Stufe des Informationsangebotes darstellen (etwas stärker organisiert und verdichtet): von Kennern wird empfohlen, die Blogeinträge nicht allzu umfangreich zu gestalten. Will man also größere Brocken einspeisen, muss man besonders gute Häppchen anbieten und wenn per Zufall jemand den Mund breiter aufmacht als das Häppchen groß ist, gleich ein Stück Braten hineinschieben. So in etwa arbeite ich mit Twitter, so auch mit diesem Blog.

Fazit: Twitter, Blogs und Wikis sind herrliche Instrumente um Wissen zu konstruieren und Wissen zu verbreiten: mit Twitter Aufmerksamkeit erregen, mit Blogs die Wissensbrocken einspeisen. Und wenn man viel Glück hat, kann man auch Leute finden, die bereit sind, langfristig mit Wikis Wissen zu konstruieren.

Auf der Jagd nach vagabundierenden Ressourcen

Resume Wer anspruchsvolle Projekte durchführen will, braucht so viele Partner wie möglich. Er muss überall Menschen ansprechen und ihnen attraktive Ziele anbieten. In Schulen und Unis sind es Schüler, Studenten und Kollegen. In der virtuellen Welt kann man „vagabundierende Ressourcen“ binden.

1. Ohne Partner kein Erfolg, auch mit den besten Ideen

Als ich 1981auf die Idee kam, die Sprachlosigkeit meiner Schüler im Französischunterricht dadurch aufzuheben, dass sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln und als ich über die damit erzielten Erfolge rege publizierte (Dissertation 1985), gabe es in meinem Fach Französischdidaktik kaum Resonanz (über die Resonanzfähigkeit der Hochschule siehe „Lernziel Prokrastination„). Wollte ich also meinen Ansatz bekannt machen, musste ich andere Wege gehen und Lehrer mobilisieren. Auf Fortbildungsveranstaltungen sprach ich Kollegen an und immer wieder ließ sich jemand für das Vorhaben „wir verändern die Schulwelt durch LdL“ begeistern. So entstand 1987 die LdL-Kerngruppe, die damals aus 12 Leuten bestand und heute noch existiert. Ohne diese 12 Leute gäbe es LdL in der Schul- und Unilandschaft nicht.

2. Was sind das für Leute und wie binde ich sie nachhaltig ein?

Die Kollegen, die sich im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen für LdL begeistern ließen, waren nicht die Dümmsten!;-))) Das waren die anderen auch nicht, aber ich musste das Glück haben, dass jemand gerade unter der Passivität der Schüler in seinem Unterricht leidet und nach schüleraktivierenden Methoden sucht. Wer nicht litt, war kein potenzieller Partner für mich. Ich fasse zusammen: es kamen Lehrer in Frage, die a) engagiert und klug waren und b) unter der Situation im Unterricht leiden. Und was musste ich machen? Ich musste mein Versprechen einhalten. Und das Versprechen war: ich werde euch mit guten Materialien vesorgen, ich werde Treffen organisieren, ich werde über Jahrzehnte hinweg stabil sein und eisern unser Ziel verfolgen. Ich werde sehr sorgfältig mit euren Kräften umgehen, denn ihr seid nicht meine Angestellten und meine einzige Chancen, euch zu behalten, besteht darin, eure Bedürfnisse zu befriedigen. Und wir werden Großes verwirklichen (Bedürfnis nach Transzendenz).

3. IPK als Zwangsveranstaltung

Als das Internet aufkam wurde mir sofort klar, dass ich in der virtuellen Welt weitere Partner finden kann. Meine Anforderungen sind groß, und Eichstätt ist klein. Ferner wollte ich die LdL-Idee der Kollektiven Wissenskonstruktion aus dem Klassenzimmer hinausdehnen und es war naheliegend, ein weltweites Netz aus Studenten zu bilden, die gemeinsam Wissen erstellen. Das IPK-Modul war geboren. Wie LdL ist IPK so strukturiert, dass alle Grundbedürfnisse der Studenten befriedigt werden. Allerdings ist der Energieaufwand, den die Studenten aufbringen müssen, sehr groß. Andererseits reduziert sich für uns als Kursleiter die Überzeugungsarbeit und die Abwehr von Prokrastination (die bei ganz freiwilligen Projekten stets droht), durch den Zwang der Studenten, den Kurs bis zum Schein durchzuhalten. IPK ist sehr anspruchsvoll und stark zielorientiert. Die Formel ist nicht „Der Weg ist das Ziel“, sondern „Das Ziel ist das Ziel“. Die Resultate sind qualitativ entsprechend hoch. Und die Studenten sind nach viel Geschimpfe und Gejohle richtig stolz, wenn sie  ihre Forschungsergebnisse präsentieren.

4. Und Neuron, Maschendraht, Blog, Twittern, Wiki…?

Wie bei LdL und IPK ist das Ziel bei Neuron und Maschendraht, die Welt zu verbessern: es geht auch darum, kollektiv relevantes Wissen zu konstruieren. Und die Leute? Im Gegensatz zur LdL-Kerngruppe sind es nicht Personen, die ein dringliches Interesse haben, durch die Zusammenarbeit die Not ihres eigenen Alltags zu lindern. Im Gegensatz zu den IPK-Studenten ist für sie Neuron- und Maschendraht keine Zwangsveranstaltung. Wie lockt man Leute heran? Hier empfiehlt sich den Ressourcen-Blick aufzusetzen und das Neuron-Verhalten zu automatisieren. Wie hält man sie dann zusammen? Das A und O: schauen, dass bei der Mitarbeit bedeutsame Bedürfnisse (insbesondere intellektuelle und soziale) befriedigt werden und immer wieder auf die Ziele hinweisen, denn im Twitter- und Blog-Kontext sind dissipative (zentrifugale) Kräfte stark am Werk. Es gibt viele Parties, und alle sind verlockend!

Fazit: um die Leute bei der Stange zu halten, muss das Angebot attraktiv, die Ziele müssen klar und offen sein. Man selbst muss dem Bedürfnis nach Nachhaltigkeit und Stabilität besonders entprechen. Und damit jeder einsteigen und die Reflexion voranschreiten kann, darf man Umwege aushalten und keine Angst vor Redundanz haben.

Lernziel Prokrastination!

Resume Nach wie vor sind Erziehungsorte wie die Schule und die Universität handlungsarm. Es wird viel Zeit verloren mit Überlegungen, die in der Realität wertlos sind. So gewöhnen sich Schüler und Studenten daran, permanent zu prokrastinieren. Ein Ausweg: ein Projekt nach dem anderen durchführen (bis zum Ende, nicht nur planen)!

1. Folgenloses Schwätzen an Schulen und Hochschulen

Wenn Studenten nach dem Examen die Hochschule verlassen und auf die Realität des Lehrerberufes stoßen, kommt es ihnen oft vor, wie wenn sie in einen TGV einsteigen würden. Auf einmal muss geschuftet werden und jeder falscher Griff kann zum Aufruhr im Klassenzimmer führen. Zum ersten Mal merken sie, dass ihre Überlegungen im Vorfeld sofort Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sie nicht zweckmäßig waren. Das nennt man den Praxisschock. Was haben sie denn an der Hochschule gelernt? Sie haben gelernt, dass sowohl die behandelten Inhalte als auch die Art und Weise, wie diese Inhalte aufgearbeitet werden, folgenlos sind. Für die reale Arbeit der künftigen Lehrer hat es keine Folge, wenn sie sich ein Semester lang mit Pestalozzi beschäftigen und unendlich viele Stunden in Referate über Detailaspekte investiert haben. Sinnvoll für die Zukunft wäre es vielmehr, wenn sie aktiv die Skills erwerben würden, die sie bereits heute, und auf jeden Fall morgen im Unterricht brauchen werden, also die Skills des 21 Jahrhunderts: die Fähigkeit einer Gruppe sinnvolle Ziele zu setzen (am besten die Konstruktion von Wissen), die Fähigkeit, die Arbeit der Gruppe im realen und virtuellen Raum zu organisieren und bis zum Abschluss zu führen, die Fähigkeit, die Qualität und Brauchbarkeit der Schülerergebnisse (Produkte) zu bewerten, die Fähigkeit, die Schülerprodukte (neues Wissen) zu verbreiten. Bereits heute und morgen noch vielmehr wird es auf die Fähigkeit ankommen, gemeinsam relevantes Problemlösewissen zu konstruieren. Alles andere ist nutzlos und verleitet zu permanentem Geschwätz (Prokrastination). Erst als Referendar werden sie sehen, dass die Inhalte und Vermittlungsverfahren, die sie unter akutem Handlungsdruck am Vorabend oder um 4.00Uhr früh vorbereiten, spätestens in der Gefahrsituation „Unterricht“ abgerufen werden müssen. Und wenn sie keinen Erfolg haben, droht die blutige Nase (metaphorisch).

2. Der Weg ist das Ziel? Seltsamer Spruch!

Der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ kann nur an der Hochschule im Rahmen der Lehrerausbildung geprägt worden sein. Wenn die an der Hochschule geleistete Arbeit ernstzunehmen wäre, dann könnte man nicht behaupten, dass es auf den Weg ankommt und nicht auf das erstellte Produkt. Auch dieser Spruch liefert eine Legitimation dafür, dass Professoren und Dozenten so gerne folgenlose und abstrakte Diskussionen führen, über Themen, die keine Schulrelevanz besitzen. Erst im Schuleinsatz wird der Referendar feststellen, dass er, wenn er die Schüler interessieren will, seine eigenen Inhalte zusammensuchen muss. Aktuelle, die Schüler interessierende Themen sind Bretton Woods, die Piraterie an der Somalischen Küste, die vom Sicherheitsrat beschlossenen Interventionen  in Krisengebieten. Welcher Pädagogik-Student, welcher Französischlehrer ist auf diesen Gebieten fitt? Dabei wäre die Hochschule der Ort, wo die künftigen Studenten ihre Wissensbasics erwerben könnten. Anstellen dessen wird prokrastiniert, indem noch einmal eine Runde mit Montessori und Perstalozzi gedreht wird. Helfen die beiden für die Bewältigung der Unterrichtssituation im 21. Jahrhundert? Ich sage: nein! Ihre Werke sind rezipiert worden und moderne Didaktiker haben zu den Ideen der alten Pädagogen noch viele anderen dazugemischt, nicht zuletzt die Erkenntnisse der Gehirnforschung und die neuen Einsichten, die durch die Internetorganisation gewonnen werden: Schwarmdenken, Weisheit der Vielen usw. Und zu „der Weg ist das Ziel“ eine (erfundene) Anekdote: vor einiger Zeit war ich beim Bäcker, um zur Hochzeit meines Sohnes eine Torte zu bestellen. Als ich am morgen der Feier den Kuchen abholen wollte, empfang mich der Bäcker hocherfreut: „Beim Backen der Torten haben wir viel gelernt und enorm viel Spaß gehabt. Leider ist es am Ende mit der Torte nichts geworden, aber: der Weg ist das Ziel!“ I was not amused.

Fazit In Schule und Hochschule sollten Wissens- und Verhaltensbasics vermittelt werden, die es ermöglichen, mit der komplexen Welt des 21.Jahrhunderts erfolgreich umzugehen. Dazu gehört die Projektfähigkeit und damit verbunden die Zielorientierung (Produkt) und die Bereitschaft, verordnete oder selbstinitiierte Prokrastination zu erkennen und zu  vermeiden.

Konstruktion vs. Diffusion: warum ich anfange, Maschendraht zu mögen

Resume Auch wenn der Schwerpunkt meiner Aktivitäten auf der Wissenskonstruktion liegt, kann ich natürlich nicht auf Diffusion verzichten. Warum sollte ich dann eine Verbreitungsplattform verschmähen?

1. Wissenskonstruktion: Neuron

Neuron wurde auf dem Educamp 2008 in Ilmenau geboren und sollte zur Wissenskonstruktion im Rahmen von „Weltverbesserungsprojekten“ dienen. Wissenskonstruktion ist ein mühsamer, langwieriger Prozess, der Nachhaltigkeit verlangt und eine stabile Gruppe. Neuron soll Wissensprodukte erstellen, die dann verbreitet werden, indem sie redundant in viele Kanälen eingespeist werden. Auf Neuron ist gegenwärtig wenig Bewegung zu beobachten, aber die Plattform ist jederzeit reaktivierbar.

2. Wissensdiffundierung: Maschendraht

Auf Initiative von Ludwigsburger Studenten ist vor einige Wochen Maschendraht als Stoffsammlungs- und verbreitungsplattform entstanden. Ein Großteil der Neuron-Besatzung ist dorthin gewandert, so dass der Schwerpunkt der Aktivitäten von der Wissenskonstruktion auf die Wissensverbreitung  verlagert wird. Auch gut, denn auf diese Weise besteht die Möglichkeit, dass das im Vorfeld entstandene Wissen breit diffundiert wird. Maschendraht braucht Wissensprodukte und freut sich, LdL– und IPK-Wissensbausteine aufzunehmen.

Fazit: Produktion und Diffundierung stehen nicht unbedingt in einem linearen Verhältnis (erst produzieren und dann verbreiten). Wiewohl es nicht schlecht ist, wenn man schon über einige gute Produkte verfügt, bevor man einen Laden aufmacht.

Kommunikation als Kickspender und Verführung! Auf die Ziele kommt es an!

Resume Kommunizieren macht Spaß, sehr viel Spaß! Oft vergessen Menschen, dass die Kommunikation nur dazu dient, zusammen mit anderen bestimmte Ziele zu erreichen. Auch die Kommunikation über Kommunikation ist noch kein relevanter Inhalt. Oh je!

1. Warum im virtuellen Raum soviel kommuniziert und sowenig realisiert wird

Ich habe bereits beschrieben, dass der Vorgang der Informationsverarbeitung durch den Organismus belohnt wird. Es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten, sonst würde das Lebewesen dies nicht tun und bald nicht mehr mit der Umwelt klar kommen. Wie alle anderen Lebensfunktionen, die im Sinne der Lebenserhaltung viel Spaß machen müssen, damit wir es überhaupt tun  (z.B. auch Nahrungsaufnahme und Geschlechtsverkehr) ist die Aufnahme von Informationen hochgradig suchtinduzierend. Das kann man beispielsweise an der Videospielsucht beobachten. Wenn Menschen sich also vornehmen, gemeinsam ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und dafür viel zu kommunizieren, ist die Gefahr immer gegeben, dass sie anfangen, permanent zu kommunizieren und dabei vergessen, warum sie es tun. Oder sie können sich auch ein gutes Gewissen verschaffen, indem sie über die Optimierung und Verbreitung von Kommunikationsmitteln kommunizieren, auch wenn sie für das zu erreichende Ziel ausreichend mit einem Telephon und einem Blatt Papier versorgt wären. Natürlich spreche ich hier nicht von den Menschen, die von berufswegen über Kommunikation reflektieren. Das ist ja ihr Job! Für sie, und nur für sie ist die Gestaltung von Kommunikationsmitteln der Inhalt. Alle anderen, insbesondere Lehrer, benutzen Kommunikationsmittel um mit ihren Schülern Inhalte zu barbeiten, im Idealfall sogar gemeinsam zu konstruieren. Da das eventuell festgelegte Ziel immer wieder aus den Augen gerät, lösen sich communities immer wieder auf und es bilden sich neue, ohne dass die Kommunikation gestört wird. Man rennt von einem Kommunikationsrausch zum anderen mit wechselnder Party-Besetzung.

2. Wikipedia als Gegenmodell: gemeinsame Wissenskonstruktion

Bei Wikipedia ist das Ziel sehr klar definiert: es wird gemeinsam Wissen konstruiert. Dieses Wissen wird in Form von Artikeln gespeichert. Alles andere ist zweitrangig. Jeder weiß, was von ihm erwartet wird, nämlich dass er sich an die strengen Regeln der Wikipedia-Arbeit hält: „wir erstellen eine Enzyklopädie, basta!“.  Zur Konstruktion von Artikeln wird natürlich sehr intensiv kommuniziert, aber dies erfolgt über ganz einfache, mintunter spröde Tools. Beim Schreiben von Artikeln ist die Autorenbesetzung zwar nicht durchgängig stabil, aber oft bilden sich Gruppen von zwei oder drei Autoren, die über Jahre hinweg an ihren Artikeln arbeiten. Natürlich kann man auch im Rahmen der Wikipedia Suchtverhalten entwickeln und sich dem Kommunikationsrausch hingeben, aber dies geschieht eher im Bereich der Wartung, insbesondere des Suchens und Stellens von Vandalen, oder in der Abwehr von Trolls. Wikipedia nenne ich deshalb ein „Gegenmodell“ zu Twitter und Blogs, weil die hedonistische Komponente fehlt. In der Wikipedia werden in spröder kommunikativer Ambiente außergewöhnliche Zielorientierung, Nachhaltigkeit und Durchhaltevermögen mobilisiert.

3. Der dritte Weg: die IPK-Struktur (oder Neuron)

In der Twitter/Blogger-Welt wird der Schwerpunkt auf den Akt der Kommunikation und der Vernetzung gelegt. Bei Wikipedia steht die Zusammenstellung und Präsentation des existierenden Wissens im Vordergrund.  Das IPK-Modul (auch Neuron-Konzept) bemüht sich um die Integration der beiden Komponenten, indem nicht nur wie in der Wikipedia existierendes Wissen präsentiert wird, sondern Wissen im Rahmen von Projekten hergestellt wird: Menschen kommen zusammen, definieren einen Bereich, über den sie Wissen erstellen wollen, entwickeln ein entsprechendes Design, führen das Projekt durch und speichern das gewonnene Wissen ins Netz. Sie lernen also zu kommunizieren, indem sie gemeinsam Wissen erstellen.

Fazit Kommunizieren lernt man am besten im Rahmen von Projekten mit dem Ziel, relevantes Wissen gemeinsam zu konstruieren. 

Stabile online-communities? Geht das?

Resume Online-Beziehungen sind volatiler als in der realen Welt, hört man. Welche Merkmale muss eine community aufweisen, damit sie über Jahre hinweg stabil bleibt?

Projekte sind wie Busfahrten

In der realen Welt, noch viel mehr aber in der virtuellen, sind Projekte, an denen man freiwillig teilnimmt, wie Busfahrten. Man kann ein- und aussteigen, wie man will. Natürlich gibt es so etwas wie eine moralische Verpflichtung, sich an Abmachungen zu halten, aber es gibt viele Möglichkeiten, sich diesen zu entziehen. Möchte jemand also ein Projekt mithilfe einer Online-Community durchführen und über genug Mitstreiter bis zum Abschluss des Projektes verfügen, muss er bestimmte Regeln beachten:

  • Festes Projektziel

Das Ziel muss so gewählt werden, dass die Mitarbeit anspruchsvoll ist und einen „transzendentalen“ appeal hat (z.B die Weltverbesserung). Andererseits muss der Weg zum Ziel sehr konkret und in Unterprojekte aufteilbar sein (z.B. die Verbreitung der innovativen Unterrichtsmethode LdL als Teilziel des Globalziels „Weltverbesserung“). Im Rahmen der IPK-Projekte wird die „Weltverbesserung“ (Globalziel) dadurch erreicht, dass internationale Studentengruppen gemeinsam relevantes Wissen in ihren jeweiligen Fächern konstruieren (Teilziele). Sie wählen selbst das Thema und die „Fahrt“ dauert ein Semester.

  • Offenheit für Ein-, Aus- und Wiedereinsteiger

Wenn die Projekte auf Freiwilligkeit beruhen, muss der Projektleiter immer darauf gefasst sein, dass plötzlich und aus nichtvorhersehbaren Gründen ein Teil der Besatzung ausbleibt. Bei Busfahrten ist es ähnlich: Leute steigen ein und aus und wieder ein, ohne dass der Busfahrer Anstoß daran nehmen würde. Allerdings darf der Busfahrer nicht selbst plötzlich das Ziel der Fahrt ändern. Wenn auf dem Schild „Honolulu“ steht und die Fahrgäste deshalb in diesen Bus einsteigen, muss der Fahrer nach Honolulu, auch wenn nur noch zwei Gäste im Bus sitzen und alle anderen sich plötzlich für Moskau entschieden haben und umgestiegen sind. Es ist für alle wichtig zu wissen, dass die Option „Honolulu“ immer noch besteht. Jeder muss wissen, dass sein Platz im Bus warmgehalten wird.

Fazit: Das Ziel muss offen genug sein und attraktiv für viele. Das Gesamtprojekt muss in Unterprojekte teilbar sein. Die Möglichkeit des Ein- und Ausstiegs muss immer gegeben sein. Der Projektleiter muss sich an seine ursprüngliche Zielsetzung halten, selbst wenn er am Ende allein sein sollte.

Achtung, Metapher! Zur handlungsleitenden Kraft von Bildern

Resume Will man Menschen zum Handeln nach bestimmten Mustern bewegen, so muss man ihnen Modelle anbieten, die sofort ihre Fantasie anregen. Allerdings muss man aufpassen und nicht Metaphern anbieten, die eine negative Kraft entfalten.

1. Gute und schlechte Metaphern

Im politischen Bereich dominiert in vielen Ländern der Welt immer noch die Pyramide als Muster. Ein Mächtiger bzw. eine mächtige Gruppe steht an der Spitze und übt die Macht aus indem nach unten Aufträge und Forderungen weitergeleitet werden (top-down). Vor allem in totalitären Regimen wird dieses Modell auf alle Bereiche der Gesellschaft übertagen: auf die Familie, auf Unternehmen und auf alle sonstigen Organisationen. Die Akteure in diesen Gesellschaften haben vor ihren mentalen Augen kein anderes Bild als diese hierarchische, pyramidale Struktur. In diesem Fall kann man sagen, dass die Pyramiden-Metapher eine starke handlungsleitdene Kraft hat, die aus unserer Sicht nicht optimal ist für das Wohl der Menschen, die in dieser Gesellschaft leben. Alternativ dazu kennen wir als politisches Modell die Demokratie, die auch pyramidal strukturiert ist, aber bottom-up. Hier wird die Macht von unten nach oben delegiert. Und vor unserem mentalen Auge sehen wir buchstäblich diese Bewegung (von unten nach oben). Solche Bilder und Bewegungen sind insofern sehr bedeutsam, weil sie sich durch permanente Wiederholung in unserem Gehirn kognitiv und emotional festsetzen und wir sie unbewusst bei fast jeder Handlung realisieren. Wenn es uns gelungen ist, demokratische „Reflexe“ in uns selbst aufzubauen, dann handeln wir im Alltag auch unbewusst anders als wenn wir den  top-down Reflex habitualisiert hätten. Gerade für den Unterricht ist es bedeutsam, ob wir den Reflex „Schüler sollen ihre Wünsche einbringen“ (also bottom-up) automatisiert haben oder den Reflex „Schüler sollen ausführen, was ich bestimme“.

2. Biologie als Lieferant für Metaphern

Natürlich haben Metaphern die Funktion, Komplexität zu reduzieren und nur so können sie auch handlungsleitend sein. Andererseits dürfen sie komplexe Phänomene nicht zu sehr vereinfachen. So ist das hierarchische Modell – ob top-down oder bottom-up – zu einfach, um die Prozesse, die durch den Internet-Paradigmenwechsel ausgelöst wurden, adäquat abzubilden.  Das Bild des Netzwerkes wurde bereits in den 70er Jahren durch Wissenschaftler (Friedrich Vester) und „alternative“ politische Gruppen („Grüne“, „alternative Listen“ usw.) aufgegriffen. Diese Metapher wiederum lehnt sich stark an die Biologie und an die Prozesse, die in der Natur vorherrschen (Biotope). Wenn man also heute Metaphern propagieren will, die sich in den mentalen Vorstellungen der Menschen verankern und in ihrem Verhalten automatisieren, dann müssen es unbedingt biologisch-dynamisch-organische sein. Daher plädiere ich sosehr für die Aufnahme der Gehirnstruktur als Modell für die Organisation Kollektiven Denkens und  Problemlösens. Abgeleitet davon empfehle ich dringlich das „Verhalten“ des Neurons. Damit man sich das gut einprägt und automatisiert, gebe ich gleich 7 Regeln, die beachtete werden müssen, wenn man sich als „Neuron“ einbringen will. Ein Fall also von stark handlungsleitender Metapher.

Fazit: Will man Menschen dahin beeinflussen, dass sie bestimmte Verhaltensweisen annehmen und automatisieren, so ist es günstig, wenn man ihnen redundant Metaphern anbietet. Daher ist es sehr wichtig, dass diese Metaphern gut gewählt und durchdacht werden. Das hierarchische Organisationsbild ist für unser gegenwärtiges Paradigma nicht mehr adäquat. Geeignetere Modelle finden sich in der Natur und werden durch die Biologie (auch Gehirnforschung) aufgearbeitet und präsentiert.

Ich weiß was, was du nicht weißt: wie bringt man Menschen zum Kommunizieren?

Resume: Um Probleme zu lösen, müssen wir ununterbrochen neues Wissen konstruieren. In Einsamkeit geht das nicht. Zur Produktion von neuem Wissen, müssen Menschen kommunizieren. Wie motiviert man Menschen zu kommunizieren, um neues Wissen herzustellen?

1. Ausgangspunkt: eine kleine Alltagsinnovation

Menschen innovieren ständig in ihrem Alltag. Beispielsweise wenn sie ein neuartiges Kochrezept entwickeln. Sie teilen diese „Innovation“ in ihrem Umfeld mit und wenn das gut ankommt, werden sie durch das positive Feed-Back motiviert, ihre Innovation a) zu optimieren und b) zu verbreiten. Je besser das neue Wissensprodukt und je bedeutsamer für möglichst viele Menschen, desto positiver und umfangreicher die Rückmeldung und die Motivation, neues, möglichst für viele Menschen relevantes Wissen herzustellen. Genauso ist es mit LdL verlaufen: a) 1980 kleine Innovation im Französischunterricht (ich lasse meine Schüler sich selbst unterrichten), b) ich kommuniziere das in meiner Umwelt, c) sehr positive Reaktion in meiner Umwelt, d) Optimierung von LdL, e) Verbreitung etc.

2. Innovationen in Ketten

Wenn die Alltagsinnovation (wie LdL) eine größere Relevanz hat, befassen sich viele Menschen damit und es entsteht der Wunsch und der Zwang zur permanenten Verbesserung. Daraus entwickeln sich kleinere und größere Sub- oder auch Superinnovationen, Innovationen in Ketten. Als beispielsweise das Prototyp LdL aus meiner Sicht „Produktionsreife“ ereicht hatte, entwickelte ich zusammen mit anderen Leuten das IPK-Modul, das, wie LdL, auf die Konstruktion kollektiven Wissens abzielt. Auch diese Innovation wurde in meiner direkten Umwelt angeboten und schrittweise akzeptiert. Wir haben also a) ein neues, relevantes Produkt erstellt (IPK), b) dieses Produkt in der Umwelt kommuniziert, c) entsprechende Aufmerksamkeit erhalten und daraus die Motivation entwickelt, weitere Innovationen zu erstellen und an die Umwelt anzubieten.

3. Das Maschendraht/Neuron-Projekt

Es hat sich ergeben, dass Christian Spannagel und Lutz Berger auf meine Arbeit aufmerksam wurden. Beide sind sehr fitt und möchten die neuen Kommunikationsmittel im Bildungssystem verbreiten. Um einzuüben, wie man am besten die neuen Tools benutzt, brauchen sie auch Kommunikationsinhalte. Für mich ein Traum, denn ich konnte ihnen ein gutes Produkt (LdL + Theorie) anbieten, das sie zu Übungszwecken einsetzen. In Spannagels Umfeld entstanden die Kommunikationsplattformen Neuron und Maschendraht. Lutz Berger erstellte u.a. ein LdL-Podcast.

Fazit: Alles super und wenn der Vorrat an neuem Wissen verbraucht ist, brauchen wir neue, relevante Inhalte, die wir jetzt schon konstruieren müssen.

Gemeinsam Wissen konstruieren, international: mühsam aber lohnend!

Resume: Im Modul „Internet- und Projektkompetenz“ (IPK) der Uni Eichstätt arbeiten Lehramtsstudentinnen mit Bulgarinnen und Studentinnen aus den USA gemeinsam an Themen, die sie selbst festlegen. Sie konstruieren also gemeinsam Wissen, weltweit.

1. 60 Studentinnen aus drei Ländern

Das Modul besteht bereits seit 2001 und ist breit dokumentiert. Ich konzentriere mich auf den aktuellen Durchgang. Es sind 60 Studentinnen des Grundschullehramtes: 6 Studentinnen aus Eichstätt, 12 Studentinnen aus Sofia und 48 Studentinnen aus Charlotte (North Caroline). Der Kurs dauert ein Semester wähend dessen die Teilnehmerinnen a) sich auf Themen einigen müssen, b) internationale Gruppen bilden, c) ein Forschungsdesign (empirische Forschung: Interviews und Fragebögen) aufstellten, d) die Forschung in den jeweiligen Ländern durchführen, e) die Ergebnisse der jeweiligen Länder vergleichen, f) die Ergebnisse in Wikis und Homepages veröffentlichen.

2. Die Themen und die Kommunikation in diesem Semester

Folgende Themen werden in diesem Semester erforscht:a) Das Verhältnis zwischen Kind und Natur, b) Der emotionale Einfluss von Grundschullehrern auf die Kinder, c) Unterrichtsmethoden: Instruktion oder Konstruktion?, d) Offene Unterrichtsmethoden, e) Lehrpläne in der Grundschule, f) Ausbildung als Spezialist oder Generalist?

Zur Kommunikation werden ZUM-Foren benutzt und Wikis. Letztere enthalten diverse Übersichten, darunter eine dreispaltige mit folgenden Inhalten: I. Was ich bisher über das Thema weiß. II Was ich erfahren möchte. III Was ich nun gelernt habe. Hier ein Beispiel: Gruppe 3: Types of instruction and learning theories

Fazit: Auch wenn die Zusammenarbeit mit einem großen Koordinationsaufwand verbunden ist und erfahrene Dozenten und Tutoren verlangt, so lohnt sich die anstrengende Arbeit. Es wird ein international relevantes Wissen gemeinsam konstruiert. Aus meiner Sicht der Weg der Zukunft für das Bildungswesen.

Kleine Hommage an Lutz Berger

Resume: Wenn ein Forscherleben so stark wie meines auf Unterstützung angewiesen ist, so muss das Glück auch mitspielen. Die Begegnung mit Lutz Berger war so ein Glücksfall.

1. Wie ich Lutz Berger begegnete

Lutz Berger traf ich zum ersten mal im April 2008 auf dem Educamp in Ilmenau. Er kam auf mich zu und teilte mir mit, er wolle mich interviewen. Ich fand ihn sehr sympathisch, da ich aber oft mit verlockenden Angeboten kontaktiert werde, die nicht eingehalten werden, blieb ich abwartend. Lutz begegnete mir während der Veranstaltung immer wieder, aber er schien mir mit anderen Sachen beschäftigt. Am Ende des Educamps stand ich etwas herum und Lutz interviewte mich. Ein paar Minuten später war das Video in youtube. Da es mir gut gefiel, speiste ich den Link in alle mir zugänglichen Kanäle (Mailinglisten, Blogs, usw.).

2. Lutzes Video zeigt Wirkung

Den Link zu Lutzes Video hatte ich natürlich routinemäßig an Reinhard Kahl geschickt, der für mich eine ganz wichtige Adresse ist, weil er mir in seinem berühmten Film „Treibhäuser der Zukunft“ eine längere Sequenz gewidmet hat. Reinhard Kahl reagierte sofort und belegt mich ganz fest als Referenten für seinen Mammutkongress am Bodensee im Oktober 2008. Dieser Kongress wiederum war für mich ein gewaltiger pusher.

3. Lutz  Berger als Weihnachtsmann

Kurz nach dem Bodenseekongress fand in Berlin der 2. Educamp statt, wo ich ein paar Leute traf, insbesondere Alexander Rausch und Christian Spannagel. Alexander hat zwar ein bisschen andere Schwerpunkte als ich, ist aber inhaltlich und emotional sehr stützend. Mit Christian kann ich aus diversen – auch strukturellen – Gründen intensiv Projekte durchführen. Und wir trafen natürlich auch auf Lutz Berger. Und Lutz konzentrierte sich immer mehr auf uns, interviewte AlexanderChristian und mich. Dann kam es Schlag auf Schlag: Lutz befasste sich immer intensiver mit LdL (LdL-Podcast), mit der Arbeit um LdL in Ludwigsburg (Ludwigsburger Trilogie) und plant eine Langzeitdokumentation um dieses Projekt herum. Lutz Bergers Motivation kann ich nur vermuten: er beschenkt uns permanent und hat sichtbar nichts davon. Unsichtbar vermute ich, dass er einfach Spaß an guten Sachen hat und am „Guten“ im allgemeinen.

Fazit: Lutz Berger verdanke ich, dass ich mich im letzten Jahr nicht gelangweilt habe. Und das Projekt insgesamt verdankt Lutz Beger unendlich viel.