Die Neuronenideologie (auch ein paar Probleme)

Aus gegebenem Anlass muss ich natürlich bei aller Begeisterung für die von mir favorisierten Veraltensweisen des Neurons innehalten und an die Menschen denken, die unter diesem Diktat schon lange leben und leiden. Im Gegensatz zu den Schulen und Unis, in denen wir uns bewegen, haben Menschen in der Wirtschaft oft gar nicht die Wahl, ob sie sich wie Neuronen verhalten wollen oder nicht (Reaktionsgeschwindigkeit auf Mails). Sie müssen das. Und das zerstört mehr Leben als man vermutet. Der durch die Aktionäre entstehende Wachstumsdruck schafft in vielen Betrieben einen regelrechten Geschwindigkeits-Terror, dem viele nicht gewachsen sind. Sie müssen überall erreichbar sein, mit allen negativen Implikationen für die Gesundheit und die Familie.

Das muss ich unbedingt berücksichtigen bei meinen Überlegungen und Auftritten. Die Neuronenregeln sind nach wie vor zu empfehlen für das Verhalten der Schüler im Klassenzimmer (furchtlos und schnell abfeuern und Ideen einbringen) und für die Studenten an der Uni oder im Netz, aber unter dem Primat der Profitmaximierung in der Wirtschaft ist dies verheerend. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Schüler und Studenten mit den Vorteilen und Problemen der Internetnutzung vertraut machen sowie mit der Neuronen-Metapher und deren Implikationen.

Advertisements

9 Antworten

  1. Das Problem begegnet einem auch immer wieder, wenn über „öffentliche Wissenschaft“ diskutiert wird. („Aber ich kann doch nicht neue Idee rausposaunen… Patente…“) usw.

    Es ist in vielen Bereichen (leider) so, dass man bestimmtes Wissen nicht sofort mitteilen sollte. Dies bedeutet aber nicht, dass man sich dort nicht in bestimmten Teilbereichen „neuronenartig“ verhalten darf/kann. Es muss nur geklärt werden, welche Inhaltsbereiche „sensibel“ sind und welche nicht…

  2. Mit der Wirtschaft meinte ich eher den Druck, der auf die Mitarbeiter ausgeübt wird, damit sie ununterbrochen erreichbar, ansprechbar, einsetzbar sind. Das wirkt sich auf die Dauer krankmachend auf sie. Und es sind tausende, die betroffen sind.

  3. Richtig. Ich sehe meine Aufgabe als Lehrer und Professor darin, mich mit all diesen Tools vertraut zu machen und zu ermitteln, wie man produktiv damit umgeht. Die entsprechenden Tipps kann ich dann weitergeben. Nachdem ich vvor kurzem mit Twitter und jetzt gerade mit dem Bloggen vertraut wurde, fühle ich mich nach einer Phase der Adaptation Herr der Informationsflut . Ein wichtiger Schritt ist, dass mein PC nicht an dem Ort steht, wo ich mich sonst aufhalte.

  4. Ich sehe das ein wenig anders: Natürlich ist es für Mitarbeiter der Alptraum schlechthin, wenn der Arbeitgeber die ganzen Tools nur zum „Antreiben“ und Kontrollieren seiner Mitarbeiter einsetzt.
    Aber genau darum geht es nicht!! Es geht darum im neuen Paradigma die Kontrolle loszulassen und die Ressourcen bestmöglich ermergieren zu lassen… Enterprise 2.0 nutzt zwar die Web2.0 Tools, aber ohne eine Veränderung in der Führung verkommt das Ganze dann zu Email4.0 und / oder Wissendatenbanken 4.0
    Warum sollte die Metapher nicht auch hier herangezogen werden? Vielleicht etwas auf das Business übertragen – aber Gehirn ist Gehirn 😉

  5. Ich kann die grundsätzliche Idee des Neuronenmodells nur unterstützen, sehe aber genau auch die Probleme, die in diesem Post angesprochen werden. Für mich resultiert dies aus einer „Ungleichzeitigkeit“, welche sich zwischen dem Web 2.0 und der „realen“ Welt abspielt. Bewegungen im virtuellen Raum – vor allem hinsichtlich der Kommunikation – verlaufen für viele Menschen in einem Tempo ab, welches sich in keiner Weise mit dem Tempo der außer-virtuellen Welt deckt.
    Ich sehe die Problematik auch durchaus an der Schule, wo ich gerade versuche, mit der Idee eines virtuellen Lehrerzimmers auf die besonderen Bedürfnisse auch derjenigen Kollegen einzugehen, welche sich derzeit noch relativ wenig im virtuellen Raum bewegen. Ich hoffe, ein paar Lehrer-Neuronen aktivieren zu können, ohne in die im Post genannten Gefahren zu laufen.
    Umso wichtiger ist es aber in meinen Augen, den Kindern und Jugendlichen frühzeitig aber dennoch begleitet an dieses neue Kommunikationstempo heranzuführen und ihnen Strategien aufzuzeigen, wie man sich erfolgreich in diesen Räumen bewegt.
    Ich frage mich, inwieweit und ob die Metapher des Neurons eine kontrollierte Kommunikation implementieren kann, da ja das neuronale System eher auf einem starren Aktion-Reaktion-Schema beruht, wenn ich das richtig sehe.

  6. „Umso wichtiger ist es aber in meinen Augen, den Kindern und Jugendlichen frühzeitig aber dennoch begleitet an dieses neue Kommunikationstempo heranzuführen und ihnen Strategien aufzuzeigen, wie man sich erfolgreich in diesen Räumen bewegt.“
    – Das sehe ich genauso!

    „Ich frage mich, inwieweit und ob die Metapher des Neurons eine kontrollierte Kommunikation implementieren kann, da ja das neuronale System eher auf einem starren Aktion-Reaktion-Schema beruht, wenn ich das richtig sehe.“
    – Die Neuronenmetapher habe ich auf dem Hintergrund aufgegriffen, dass wir gemeinsam Probleme lösen müssen und das Gehirn die Architektur vorgibt für Denkorgane. Insofern können wir, wenn ein Problem gelöst werden soll, eine Gruppe als Gehirn strukturieren, das gilt beispielsweise für eine Schulklasse, aber auch für Menschen, die im Internet weltweit interagieren. Hier sollten die einzelnen sich wie Neuronen verhalten und schnell und offen auf Impulse reagieren. Im Berufsleben ist es anders: hier sollte der Mitarbeiter nicht wie ein Neuron auf Befehle des Chefs reagieren. Das sind also zwei ganz unterschiedliche Kontexte. Übrigens beruhen neuronale Systeme durchaus nicht auf einen starren Aktions-Reaktions-Schema sondern sie müssen sich permanent auf neue Aufgaben einstellen (Unschärfen).

  7. Ähnlich sehe ich das auch.
    Ich beobachte in einigen klassischen Firmen / Betrieben / Werken, dass durchaus der Nutzen neuer technologischer Anwendungsmöglichkeiten erkannt und somit angeschafft wurde, gerade durch das Anraten von Beraterfirmen, die regelmäßig auf Strukturen und Effizienz hin prüfen.
    Nach einer Woche haben sich jedoch schon wieder die alten Strukturen durchgesetzt. (Abteilungen arbeiten instransparent, Abteilungen arbeiten nicht zusammen, der Chef ordnet an ohne Rücksicht auf bestimmte Umstände …) Die Strukturen wurden von außen eingeführt, haben sich aber durch mangelndes Verständnis und altes hierarchisches Denken nicht durchgesetzt.

    Da gefällt mir Dein Ansatz recht gut. Du probierst selbst aus, um dann auf einhergehende Effizienz als auch Problemen hinzuweisen. Der Ansatz besteht unter anderem in Deiner Vorbildrolle: „Ich sehe meine Aufgabe als Lehrer und Professor darin, mich mit all diesen Tools vertraut zu machen und zu ermitteln, wie man produktiv damit umgeht.” Wenn ein Chef in der Firma etc … diese Rolle übernehmen würde, könnte er gleichzeitig seine Mitarbeiter für das Neuronenprinzip motivieren, aber auch seine eigenen übertriebenen Forderungen erkennen, weil er diese vl. selbst nicht einhalten kann.

  8. „Nach einer Woche haben sich jedoch schon wieder die alten Strukturen durchgesetzt. (Abteilungen arbeiten instransparent, Abteilungen arbeiten nicht zusammen, der Chef ordnet an ohne Rücksicht auf bestimmte Umstände …) Die Strukturen wurden von außen eingeführt, haben sich aber durch mangelndes Verständnis und altes hierarchisches Denken nicht durchgesetzt.“

    – Deshalb muss man bestimmte Verhaltensweisen, die als günstig und zielführend erkannt wurden (NEURON) vorleben und immer wieder einfordern, damit sie automatisiert werden. Nur so lässt sich der Paradigmenwechsel durchführen. Mit dieser Strategie sind wir als Gruppe ganz schön weit gekommen (Ilmenau, Berlin usw), weil wir redundant dieselbe Konzepte überall eingebracht haben. Jetzt scheint sich NEURON zu verbreiten. Und nun ist das nächste Konzept dran: NETZSENSIBILITÄT.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: