Ohne Not denkt der Mensch nicht: Grzega und Spannagel

Resume Am intensivsten denkt man nach, wenn man sich in einer Notsituation befindet. Man sucht, manchmal verzweifelt, nach Lösungen. Auch in der Wissenschaft.

1. Aktionsforschung

Will man sich dazu zwingen, intensiv nachzudenken, begibt man sich am besten in eine Notsituation, denn ohne Not denkt der Mensch nicht (so Bertolt Brecht). Die Aktionsforschung ist in der Pädagogik und der Didaktik der anstrengendere Weg, zur Erkenntnis zu gelangen. Vor allem, wenn man sich selbst zum Gegenstand der Forschung macht. Man begibt sich in das zu optimierende Feld (Unterricht) und versucht, durch trial and error Verbesserungen einzuleiten.

2. Joachim Grzega

Seit mehreren Jahren arbeitet Joachim Grzega in seinen universitären Veranstaltungen nach LdL. In unzähligen Kursen hat er nach ein paar Sitzungen Befragungen durchgeführt und immer wieder Lob, aber auch heftige Kritik erfahren. Diese Kritik schmerzt, lässt einen nicht ruhen. Solange man keine Lösung gefunden hat, leidet man, existentiell. Es gibt keinen anderen Weg, tiefgreifende Erkenntnisse zu gewinnen und grundlegende Änderungen und Verbesserungen zu entwickeln. Am grünen Tisch leidet man nicht. Daher auch die relative Folgenlosigkeit der am grünen Tisch entwickelten Vorschläge.

3. Christian Spannagel

Vor kurzem hat Christian Spannagel in einer Vorlesung mit 120 Teilnehmern die Neuronen-Technik eingeführt. Ein mutiges, gewagtes Experiment. Und er hat sich ein Feed-Back geben lassen! Viel Lob, und nicht wenig Kritik. Diese Kritik hat er aufgegriffen und umfangreiche Umgestaltungen angesteuert. Bravo! Er wird sein Konzept wieder testen, er wird wieder Lob und Kritik ernten, er wir sein Modell erneut verändern und dann in seinem Kurs testen, immer wieder. Das ist Aktionsforschung und der Königsweg der Pädagogik und Didaktik. Die Schmerzen inklusiv!

Fazit Wenn du in Pädagogik und Didaktik Neues schaffen willst, musst du leiden!

Ludwigsburg: der countdown läuft.

Resume Heute in einer Woche werde ich den Abschlussvortrag auf dem LdL-Tag in Ludwigsburg halten. Mein Thema: “Lange Inkubation, plötzliche Emergenz”. Hier ist Multitasking akut angesagt, denn ich bin mit anderen Sachen extrem beschäftigt (z.B. Umzug).

1. Das Thema

Das Thema ist von größter Relevanz. Was muss ich in ein System (einzelner Mensch, reale oder virtuelle Gruppe) einspeisen, damit dieses System sich so verhält, wie ich mir es wünsche? In meinem Vortrag fange ich mit der konkreten Beschreibung meiner Klasse an: Ich möchte, wie jeder Lehrer auch, dass meine Schüler Instrumente erwerben, damit sie im Leben gut zurechtkommen. Ich muss wissen, was sich in deren Köpfen und Herzen abspielt, damit ich mit meinem Angebot andocken kann? Was beschäftigt sie gerade? Wo kann ich anknüpfen, um ihre Aufmerksamkeit zu mobilisieren? Welche Inhalte sind für ihr Leben relevant? Mit welcher Art von Perturbation kann ich bewirken, dass sie sich öffnen, damit ich einen Blick in ihre Innenwelt werfen kann?

2. Perturbation, Inkubation und Emergenz

Den zweiten Teil meines Vortrages werde ich einer Analyse dieser Phänomene in der virtuellen Welt widmen. Während eine Schulklasse zumindest physisch als geschlossenes System vor mir liegt (die Schüler sind körperlich anwesend) und nicht entfliehen kann, ist die virtuelle Welt a priori völlig intransparent und absolut volatil. Will ich aus den Menschen, die sich im System bewegen, ein System (Online-Community) konstruieren, so ist eine sehr ausgefeilte Strategie unabdingbar. Vereinfacht beschrieben: ich muss Neuronen-Verhalten konsequent zeigen und kontinuierlich ressourcenorientiert arbeiten. Ferner muss ich angesichts der raschen Verfallszeit immer wieder Perturbationen in das System einbringen und das in Erregung geratene und orientierungslose System (“Gehirn”) in die von mir gewünschte Richtung lenken (“Cortexaufgabe”). Nur durch Perturbationen kann ich mir ein Bild des Innenlebens des Systems verschaffen. Allerdings muss ich Geduld haben und warten, bis nach einer gewissen Inkubationszeit die ersten Emergenzen erscheinen.

3. Beispiele aus Twitter und Blogs: Liebe und Hass?

Meine permanenten Perturbationen werden auch als solche wahrgenommen. Wie in einem normalen Organismus auch reagiert das System unterschiedlich. Da die Perturbationen so angelegt sind, dass sie die Emotionen ansprechen (limbisches System) werden zunächst Gefühle mobilisiert. Als Beispiel dazu kann ich die Überschrift “Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten” anführen, die damals für ein bisschen Agitation gesorgt hatte. Wichtig ist, dass, nachdem ich Bild-Zeitungs-mäßig Aufmerksamkeit erregt habe, inhaltlich Fleisch anbieten kann, also mit Modellen die Kognition meiner Leser zufrieden stelle. Natürlich werden dabei auch Leute verletzt, aber ich bin immer bereit zu erklären, warum ich so arbeite und werde meist auch verstanden. Wie dem auch sei, diese Perturbationen polarisieren und die Emergenzen zeigen eine Art Lagerbildung, die gelegentlich auch die Extremen Liebe und Hass einschließt. Auf meinem Vortrag werde ich konkrete Beispiele für die unterschiedlichen Emergenzen anführen und interpretieren.

Fazit Will man in der virtuellen Welt Gruppen (Systeme) aufbauen und steuern, so muss man bestimmte Techniken entwickeln und anwenden. Zentral ist dabei, dass man Einblick in das System gewinnt. Das geht so: Perturbieren, inkubieren lassen, die Emergenzen interpretieren.

PS:  Hier der Vortrag (under construction) und hier die Diskussion.

Educamp Ilmenau 2009

Resume Von Freitag bis Sonntag war ich in Ilmenau auf dem Educamp.

1. Der Rahmen

Das Educamp hat bisher dreimal stattgefunden: zweimal in Ilmenau und einmal in Berlin. Die gesamte Stimmung ist basisdemokratisch, was bedeutet, dass jeder, der eine gute Ideen hat, spontan eine Session zu einem Thema anbieten kann. Ein solches Konzept mit vielen Unwägbarkeiten verlangt von den Organisatoren Talent, nicht nur was die technischen Abläufe angeht (je spontaner, desto  größer die Anforderungen an die Adaptationsfähigkeit der Strukturen) sondern zwischenmenschlich, um den Gästen das Gefühl zu vermitteln, dass sie und ihre – gelegentlich komplizierten – Wünsche willkommen sind. Dies gelingt Thomas BernhardtSteffen Büffel und Marcel Kirchner hervorragend. Man fühlt sich dort wie zu Hause, unter Freunden.

2. Ein paar Sätze an

@Claudia Als wir uns noch kurz vor dem Bahnhof unterhielten, habe ich etwas scheinbar Widersprüchliches gesagt: ich sagte, dass man durch Bloggen schnell zu einem tieferen Austausch kommt und die essentials (Menschenbild und fundamentale Ziele) einer Person rasch erfährt. Dann bestünde die Gefahr, dass man das Interesse verliert, weil man die Person kenne und nichts Neues mehr erwarte. Andererseits behaupte ich, dass durch Bloggen eine Vertiefung der Beziehungen entsteht, was Nachhaltigkeit fördert. Letzteres stimmt, aber nur dann, wenn nach den vertieften Einsichten dann zügig gemeinsame Ziele und Projekte angesteuert werden. Daher auch der Begriff nachhaltige Projektbeziehungen.

@Michael Nach unseren Gesprächen und unserer gemeinsamen Session fühle ich mich noch mehr verpflichtet, Qualität zu bringen. Vor allem, wenn wir dann tatsächlich ein Projekt gemeinsam durchführen.

@Felix Ähnliches gilt für dich: wenn ich euch als Denkpartner behalten will, darf ich nicht nachlassen!:-)))

3. Alexanders Vorstellung des Bénin-Projektes

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4. Mein Gefühl danach

Mein wissenschaftliches Credo: poetisch von Lutz Berger beschrieben.

Die Beschreibung ist so schön, sie entspricht sosehr meinem wissenschaftlichen Credo, dass ich sie von Christian Spannagels Blog hierher einkopieren:

Lutz Berger

(…)die theoretische debatte über etwas, das man nicht/kaum kennt, ersetzt nicht das tun. ldl und web 2.0 nähert man sich nur bedingt durch den diskurs, sondern eher durch gelebte praxis, hinfalle, aufstehen und feedback, feedback, feedback.

aber ich will mich da nicht weiter in die nesseln setzen, nur eins noch: begeisterung und freiwillige feldversuche haben nichts, aber auch gar nichts mit sektiererei zu tun.

die gruppe die ich begleitete und die menschen die ich dabei traf, sind vom missionieren himmelweit entfernt. wer da die keule schwingt, bekommt von mir die rote karte und muss zurück auf start!

es ist vielmehr der liebenswerte zug des forschers, des pre-experten und des amateurs (lat. amare, remember?), der rote backen kriegt: schau mal, das klassenzimmer fliegt tatsächlich! in den worten von george soros, experte für prozese in zeiten des ungleichgewichts:

“Ich bin der Archetyp des Amateurs. Ich bin wie ein Stammeshäuptling, der nicht lesen und schreiben kann … Aber es ist eine gute Position, zu früh da zu sein. Da zu sein, bevor die Profis, die Experten alles an sich gerissen haben.

Ich bin ein Pre-Experte. Und ich befinde mich in keiner schlechten Gesellschaft, denn viele große Entdeckungen des 19. Jahrhunderts wurden von Amateuren vollbracht. Als die Entdeckungen da waren, dann erst kamen die Professionellen, die richtigen Experten. Ich liebe diese frühe Phase, die Phase der ursprünglichen Entdeckungen. In dieser Zeit ist der Wettbewerb sehrt gering und man kann mit wenigen Mitteln sehr große Erfolge erzielen.”

und jetzt: hitzefrei!

Lutz Berger

11c: Inkubation, Emergenz und nun offensiv an die Öffentlichkeit.

Resume Nach dem gestrigen Durchbruch, wo plötzlich die Ergebnisse von 5 Monaten harter Arbeit sichtbar wurden, tritt eine neue Phase des Projektes ein:  der dezidierte Gang an die Öffentlichkeit.

1. Die neue Situation: Schülerkompetenzen sichtbar (auch für sie selbst)

Als gestern zwei Schüler an der Reihe waren, die zwar klug, aber notorisch “zurückhaltend” sind, und als diese Schüler eine perfekte diskursive LdL-Sequenz mit starker Einbindung ihrer Mitschüler und mit Einsatz der Wikiversity-Vorbereitungen (Lückentexte + Links auf Wikipediaartikel) durchführten, war die Stimmung in der Klasse sehr gut. Jeder spürte: wir haben es geschafft. Mein eigenes Gefühl war euphorisch (Auftauchen an die Wasseroberfläche nach 1000 Meter Aufstieg aus der Tiefe des Ozeans). Das bedeutet, dass wir nun offensiv nach außen treten können.

2. Nächste Aufgabe: Workshop in Erlangen am 7. März mit Französischlehrern

Bereits im Vorfeld hatte sich eine Schülerin, die nicht zu den “zurückhaltenden” gehört sondern eine starke Stütze des Unterrichts darstellt, bereiterklärt in Erlangen aufzutreten und den LdL-Workshop durchzuführen. Sie hatte mir auch zu meiner großen Freude mitgeteilt, dass 5 weitere Schüler bereit wären, nach Erlangen mitzufahren.  Nach dem gestrigen Triumph kann ich mir vorstellen, dass gerade die gestern Aktiven motiviert sind zu zeigen, was sie nun erreicht haben. Auf jeden Fall stehen wir am Anfang einer Entwicklung die für mich hochinteressant und vielversprechend ist.

Fazit Nachdem wir aus den Tiefen des Ozeans kaum sichtbar nach oben geschwommen sind und gestern die Wasseroberfläche erreicht haben, steigen wir nun vor aller Augen den Berg hinauf. Wie hoch der Berg ist, wissen wir nicht!

In Twitter “anbaggern”: an Bedürfnisse anknüpfen.

Resume Wie ich in meinem jüngsten Beitrag angekündigt habe, möchte ich meine Twitter-Interaktionen in den beiden letzten Monaten systematisch analysieren. Das Ziel: die Verhaltensmerkmale herausarbeiten, die zur Rekrutierung und Aufrechterhaltung einer Weltverbesserungsgruppe führen können.

1. Wissenschaftstheoretische Einordnung

Als Aktionsforscher ist mein Vorgehen recht eigensinnig und anfechtbar.  Dazu schlägt mir  Itari vor: “Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen.” Nun möchte ich aber intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse vorlegen und dazu ist eine gewisse Systematik notwendig. Und wenn ich systematisch intersubjektiv prüfbare Ergebnisse hervorbringe, dann ist das Wissenschaft, unabhängig davon, ob mein Vorgehen in der Tradition meines Faches verankert ist oder nicht.

2. Bedürfnisse als Ansatzpunkt zur Kontaktaufnahme und Kontaktpflege

Will ich das Interesse von Twitterern an Interaktionen, im Idealfall sogar an Zusammenarbeit nachhaltig erregen, so ist es günstig, wenn ich mich an deren Bedürfnissen orientiere. Durch welches Twitter-Verhalten lassen sich welche Bedürfnisse ansprechen? Bei meinen Beschreibungen beziehe ich mich auf konkrete Erfahrungen, nenne aber die jeweiligen Akteure nicht.

  • Physiologische Bedürfnisse:  Selbst auf der Ebene der physiologischen Bedürfnisse (ua. Sexualität) zeigen sich Twitterer ansprechbar (Flirtverhalten). Dennoch: Flirtverhalten sollte man vermeiden, denn es durchdringt und belastet alle Interaktionen, die zu einer Befriedigung höherrangiger Bedürfnisse eingeleitet werden (z.B. Projektaktivitäten).
  • Sicherheit, Soziale Einbindung: Soziale Einbindung ist nicht zu verwechseln mit sozialer Anerkennung. Sie bezeichnet den Grad der emotionalen Zuwendung, die man von einer Gruppe erhält, unabhängig vom sozialen Status. Die Befriedigung entsprechender Bedürfnisse könnte so geleistet werden, wie von Itari beschrieben: “JP gibt sich Mühe, bestätigt den einen oder anderen Twitterer durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).” Natürlich ist dieses Verhalten nicht bewusst, sondern automatisiert.
  • Soziale Anerkennung: Soziale Anerkennung wird über die Tiefe des Einstieges auf die Impulse des Twitterers gewährt (lesen der vom ihm empfohlenen Artikel und Videos, Kommentare auf seinen Seiten, usw).
  • Selbstverwirklichung: Wenn man Twitterern hilft, zentrale Fragen (insbesondere philosophische) anzugehen und zu beantworten, liefert man einen Beitrag zu deren Selbstverwirklichung.
  • Bedürfnis nach Sinn: Wenn man Twitterern Projekte vorschlägt, die über ihr eigenes Leben hinausweisen, dann macht man ihnen Sinnangebote.
  • Bedürfnis nach Informationsverarbeitung: Das Bedürfnis nach Informationsverarbeitung spielt in Twitter eine zentrale Rolle. Will man Twitterer an sich binden, muss man eine breite Pallette von Themen anbieten und bereit sein, bei Bedarf in die Tiefe einzusteigen. Der erklärte Zweck von Twitter ist, dass die Akteure einen alltagsbezogenen Positionszustand (“ich stecke im Stau“) liefern. Ich liefere stets einen Positionszustand, aber über den Stand meiner Reflexion. Besonders zielführend sind Perturbationen, weil sie kognitive Dissonanzen auslösen, die bekanntlich reflexionsfördernd sind.

Natürlich verfüge ich für jeden hier aufgeführten Aspekt über konkrete Beispiele mit realen Menschen aus den zwei letzten Monaten meiner Aktivität in Twitter. Entsprechende Beschreibungen kann ich hier (aus Gründen der Diskretion) nicht veröffentlichen.

Fazit Die von Maslow beschriebenen Grundbedürfnisse liefern eine gute Orientierung, wenn man beabsichtigt, in Twitter Denk- und Handlungspartner für langfristige, ehrgeizige Projekte zu finden.

Neuronverhalten zielführend? Mein Forschungsansatz.

Resume In virtuellen Räumen lassen sich umfangreiche Denkressourcen mobilisieren. Ist Neuronverhalten förderlich für die massive Rekrutierung von Partnern und für die Organisation kollektiven Denkens?

1. Aktionsforschung Tendenz Ethnomethodologie

Als Aktionsforscher begebe ich mich in das Feld, an dessen Optimierung ich mitwirken möchte. Da ich Didaktiker bin, gehe ich also in die Schule, die Hochschule und ins Netz. Ich formuliere Hypothesen und prüfe sie empirisch, wobei ich vorwiegend qualitative Methoden einsetze. Als ich 1994 die Wirkung der Methode Lernen durch Lehren in meiner Habilitationsschrift untersuchte, setzte ich quantitative Verfahren ein (Befragung von 480 Kollegen mit Fragebögen) aber vor allem qualitative (teilnehmende Beobachtung, Tagebücher, Interviews). Das alles war der traditionellen Wissenschaft geschuldet. Ich war immer der Meinung und bin es auch heute, dass jeder Untersuchungsgegenstand eine eigene Untersuchungsmethode verlangt, die nicht aus anderen Wissenschaften entliehen werden kann. Die Qualität eines Unterrichts ist kaum quantitativ zu erfassen. Selbst qualitative Methoden greifen zu kurz: wenn ein Schüler nach 30 Jahren feststellt, dass ein bestimmter Lehrer sein Leben verändert hat, ist es aus den damaligen Tagebüchereinträgen nicht herauszulesen.  Als Forscher bemühe ich mich in erster Linie – von meiner Intuition geleitet – Veränderungen einzuführen, von denen ich mir Verbesserungen verspreche. Wenn diese Intuition (Hypothese) durch die Reaktion der Schüler und Studenten verifiziert wird, werden die Ursachen a posteriori theoretisch aufgearbeitet.  Kein sauber arbeitender empirischer Forscher würde das, was ich gerade beschrieben habe, als Forschung bezeichnen. Und dennoch: it works!

2. Neuronverhalten

Ich stelle die Hypothese auf, dass durch Zusammenführung unzähliger Menschen (Neuronen), die themengebunden interagieren, eine Art Weltgehirn entstehen kann, das die Probleme der Welt angeht und Problemlösungen erarbeitet. Voraussetzung ist, dass jeder in diesem Welthirn mitwirkende Mensch sich auch wie ein Neuron verhält.

  • Neuronen sind offen und transparent
  • Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  • Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  • Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  • Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  • Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  • Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  • Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

3. Ist Neuronverhalten auch in Twitter zielführend?

Eine meiner Unterhypothesen ist, dass man auch in Twitter Mitdenker rekrutieren kann, und dass auch hier das Neuronenverhalten greift. Ich bin seit zwei Monaten aktiv in Twitter und kann bereits über folgende Neukontakte berichten (ich erwähne nur die Personen, die ich vor meinem Einstieg in Twitter nicht kannte):

*Theorieebene: auf der Theorieebene habe ich anhaltenden Ansporn und Unterstützung von itari_itari empfangen und  von  Filterraum. Filterraum weist mich auf interessante Videos hin,  itari_itari stellt kritische Fragen, auch über meinen methodischen Ansatz. Ferner analysiert sie mein Verhalten: “JP gibt sich Mühe, sucht die Diskussion, bestätigt den/die einen/eine oder anderen/andere Twitterer/Twitterin durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).”

*Sonstiger Support: Unterstützung erhalte ich auch von Twitter-Anwender, die immer wieder Interesse für meine tweets anmelden. So z.B. Nadiz: “Scheinst halt interessante Tweets zu schreiben“.

Die nächsten Schritte werden darin bestehen, die Korrelation zwischen Neuronenverhalten und der Bildung von stabilen Forschungscommunities auf der Basis von Twitterinteraktionen zu analysieren.

Fazit Auch wenn im Augenblick die Hypothese “Neuronenverhalten führt zur Bildung einer leistungsfähigen Forschercommunity” noch nicht verifiziert ist, es gibt erste Anzeichen, dass fruchtbare, langfristige Denkpartnerschaften in twitter eingegangen werden können.

“I have learned so much from doing this project”

Resume: Bulgarische, deutsche und amerikanische Studentinnen kommen virtuell zusammen, forschen gemeinsam 2 Monate lang und publizieren ihre Ergebnisse im Internet (Powerpoint). Das ist bestpractice.

1. Anspruchsvolle Ziele zwingen zur intensiven Kommunikation

Im Rahmen des Moduls “Internet- und Projektkompetenz” (IPK) kommen Studentinnen aus verschiedenen Ländern zusammen und konstruieren gemeinsam fachbezogenes, neues Wissen. Ich nehme als Beispiel den aktuellen IPK-Kurs: es handelt sich um 60 Lehramtsstudentinnen aus Bulgarien, den USA und Deutschland, die im Fach Grundschulpädagogik gemeinsam Forschungsfragen angehen. Einige von ihnen gewählten Themen sind: “Open education”, “Types of instruction and learning theories”, “Interaction between children and nature”, “The teachers (emotional) influence on first graders”. Um solche Themen allein oder in einer kleinen Arbeitsgruppe zu behandeln, wäre in einem normalen Seminar kein großer Abstimmungsaufwand notwendig. Ganz anders in einem internationalen, virtuellen Seminar. Es muss intensiv kommuniziert werden, ob man das will oder nicht.

2. Fünf Abstimmungsphasen und der permanent auszuübender Druck

Nach einer ersten Phase der Euphorie (“I am really excited to be working on this project with my group!!!!”) geht es an die Arbeit:

- Die Studentinnen müssen sich auf einem ZUM-Forum vorstellen: Wie geht das? Wie melde ich mich an? Wieso habe ich noch keine Anmeldebestätigung erhalten? Mein Beitrag ist verschwunden, wo ist er nun? Muss es überhaupt sein, die blöde Anmeldung?

- Die Studentinnen müssen sich eine Benutzerseite in der Wikiversity einrichten: Wie geht das? Wie melde ich mich an? Wie lade ich mein Foto hoch und muss es überhaupt sein? Muss es überhaupt sein, die blöde Wikiversity-Benutzerseite?

- Die Studentinnen müssen sich austauschen und sich über ein Thema einigen: Wie geht das? Wo finde ich Leute, die mein Thema bearbeiten wollen? Ich habe eine Frage ins Forum gestellt und keiner antwortet! Sorry, ich bin im falschen Forum! Muss es überhaupt sein, das ganze im blöden Forum zu machen, geht es nicht per Mail?

- Die Studentinnen müssen eine Gruppenseite einrichten, damit der Prozess nachvollziehbar ist und die Ergebnisse gesammelt werden können: Wie geht das? Das genügt doch, wenn wir unsere Benutzerseiten haben! Ich habe nicht nur diese Projekt, ich habe auch andere Verpflichtungen! Muss es unbedingt sein, diesen blöden IPK-Kurs zu machen?

- Die Studentinnen müssen am Ende ihrer Forschung eine Powerpoint gemeinsam erstellen: Wie geht das? Das genügt doch, wenn die Ergebnisse in der Gruppenseite stehen! Muss es unbedingt sein diese blöde Powerpoint erstellen und präsentieren?

Fazit: Nach zwei Monaten intensiver Arbeit und oft – kulturell bedingt – konfliktreicher Kommunikation haben 60 Studentinnen international neues Wissen konstruiert:I have learned so much from doing this project“.

Traumhaft, aber noch nichts passiert!

Nach einem Jahr Flow im Rahmen von Educamp Ilmenau, Bodensee (Reinhard Kahl), Educamp Berlin, Neuron und Ludwigsburg möchte ich innehalten und bilanzieren. Danach werde ich meine Ziele für die nächsten Monate festlegen.

Resume: als Aktionsforscher bemühe ich mich, a) Probleme des Forschungsfeldes zu identifizieren, b) mit Hilfe von Partnern Lösungen (neues Handlungswissen) zu erarbeiten,  und c) dieses neue Wissen zu verbreiten. Da ich in den letzten 25 Jahren Handlungswissen konstruiert habe, das noch nicht breit diffundiert wurde, stand Verbreitung auf der Tagesordnung.  Jetzt muss wieder neues Wissen konstruiert werden.

1. Vor einem Jahr: Wissen auf Vorrat

Vor einem Jahr war LdL im deutschen Bildungssystem bekannt. Die Methode war dank Einladungen des Goethes Instituts oder der Deutschen Schulen auch im Ausland ein Begriff (Europa, aber auch Äthiopien, Türkei, Südamerika und dank Guido Oebel auch besonders in Japan). Allerdings war LdL vor allem als eine “Technik” unter vielen anderen verstanden. Nur wenige erkannten, dass hinter LdL ein umfangreiches, modernes pädagogisches Konzept steht.

2. Die Leistung der Neuronen-Gruppe: Diffundierung des vorliegenden Wissens

Dank Educamp und die Neuronen-Gruppe, insbesondere dank Lutz Berger war es möglich, den Fokus auf die Theorie zu richten. Die gute Aufnahme meiner Konzepte (vor allem Neuron) durch die Educamp-Freaks ermutigte mich, diese Ideen auch in einem größeren,  traditionelleren Kontext vorzustellen (Bodensee-Kongress Reinhard Kahl). Dort wurden die Gehirnmetapher und mein anthropologisches Modell ebenfall sehr gut aufgenommen.

3. Legitime Freude am Diffundieren

Natürlich macht es sehr viel Spaß, neues Wissen zu diffundieren: man weiß etwas, was die anderen nicht wissen. Man gewinnt dadurch Aufmerksamkeit (Währung der Zukunft) und gerät in ein Flow, der solange andauert, solange es Leute gibt, die dieses neue Wissen nicht kennen und Uiiii sagen. Man freut sich und neigt dazu, sich mit dem Verbreitungsprozess übermäßig zu befassen, der ja soviel Spaß macht. Was aber, wenn der Vorrat an neuem Wissen verbraucht ist?

4. Neues Wissen konstruieren: IPK-Modell

Vorschlag für Ludwigsburg (weitere biographische Mitfahrgelegenheit):

- Ein relevantes Problem wird identifiziert (z.B. Internetkompetenz  in Grundschulen) und international angegangen,

- Suche nach Partnern im Ausland (PH in Bulgarien oder USA),

- Gemeinsame Forschung ein Semester lang,

- Hochladen der Ergebnisse (neues – für den Fortschritt der Menschheit relevantes – Wissen)

- Diffundierung dieses neuen Wissensproduktes.

Aufgabe des Dozenten: Organisation kollektiver Reflexion und kollektiver Wissenskonstruktion

Meine Ziele für die nächsten Monate: soviele IPK-Projekte wie möglich in allen mir zugänglichen Gruppen anregen.

Dynamische Endlos-Vorlesung zur Weltverbesserung

Vorlesungen dienen in der Regel dazu, ein Lehrwissen, das von einem Wissenschaftler erarbeitet wurde, an die Hörer weiterzuleiten. Dies erfolgt linear und abgekoppelt von konkreten Handlungen, weil die sich weiterentwickelte Realität kaum Einfluss auf die Inhalte nimmt.

Bei der dynamischen Vorlesung ist es anders. Das von mir in den lezten dreißig Jahren erarbeitete Lehrwissen liegt vor und wird ebenfalls vermittelt. Allerdings geschieht es nicht-linear und als Antwort auf eine sich entwickelnde Situation (Weltverbesserungsprojekt, never ending story).

1. Das Lehrwissen liegt vor (Neuronenmetapher, LdL, anthropologisches Modell, Jesusmetapher, Glossar,…) wird aber im Rahmen eines größeren Projektes nach Bedarf eingespeist. Insofern ist die Dynamische Vorlesung nicht-linear.

2. Die dynamische Vorlesung entsteht im Dialog mit den Hörern, die jederzeit über Kommentare eine Vertiefung der Theorie verlangen können, sofern diese Vertiefung einer besseren Durchführung des Projektes dient. Insofern nehmen die Hörer stets Einfluss auf die Art des Stoffes, der ihnen vermittelt wird. Sie können auch durch Kommentare die Inhalte anreichern oder gar verändern.

3. Da die dynamische Vorlesung das theoretische Substrat zu einem Projekt liefert, der im Prozess begriffen ist, wird nur die Theorie eingespeist, die für den Fortschritt des Projektes nützlich ist, und keinen Satz mehr. Soviel Theorie wie absolut notwendig für eine erfolgreiche Praxis.

4. Die Praxis selbst nimmt sofort Einfluss auf die Qualität der Theorie, die ja kontinuierlich empirisch geprüft wird. Man erhält dadurch eine schlanke Praxis (nicht zuviele Irrungen dank der Theorie) und eine schlanke Theorie (kein Theorieüberhang).

Dies ist das ideale Setting für Aktionsforschung. Die Vorlesung wird weitergeführt, solange ich das Gefühl habe, dass ich damit zur “Weltverbesserung” beitragen kann.

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