Relevantes Wissen.

Resume Gestern hat mir Alexander Rausch eine Freude gemacht. Er meinte, meine Auftritte haben Erlebnischarakter. Das bedeutet, dass ich wohl in Zukunft weiter gefragt bin. Warum ist es so?

1. Warum ich mich auf Auftritte freue

Als Didaktiker und Pädagoge war ich immer schon bestrebt, meinen Schülern und Studenten relevantes Wissen zu vermitteln. Relevantes Wissen bedeutet Einsichten, die einem ermöglichen, gut mit dem Leben zurechtzukommen, also glücklich zu sein. Glücklich sein heißt, dass man in der Lage ist, seine Bedürfnisse – auch langfristig – zu befriedigen. Logischerweise ist der erste Schritt zu überlegen, was überhaupt Grundbedürfnisse sind und wie wir als Lebewesen “funktionieren”. 1986 habe ich nach intensiven Lektüren insbesondere der kognitiven Psychologie und der Soziologie (Luhmanns Systemtheorie)  ein Modell entwickelt, das Menschen beschreibt und den Umgang mit ihnen erleichtert. Da ich weiß, dass das Modell für die meisten a) neu b) gut nachvollziehbar und c) nützlich ist, bin ich bei Auftritten sehr gut drauf und spielerisch aufgelegt.

2. Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung

An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass die Informationsverarbeitung ein Grundbedürfnis ist. Ich bin nur dann richtig glücklich, wenn ich permanent Informationen verarbeite. Das geht aber nur, wenn mich Menschen aus meiner Umwelt mit entsprechenden Stimuli versorgen. Und dies wiederum geht nur, wenn ich selbst diese Leute mit relevanten Informationen beliefere. In meinem Blog beispielsweise muss ich mich bemühen, Modelle anzubieten, mit denen meine Leser sofort etwas Konkretes anfangen können. Als Didaktiker und Pädagoge beliefere ich meine Leser mit didaktischen Einsichten, die sie in ihrem Unterricht umsetzen können, um ihr Leben glücklicher zu machen. Als Lieferant von guten Modellen bleibe ich im Gespräch, ich werde eingeladen, werde dadurch mit Stimuli versorgt. Und so kann ich dauerhaft mein Grundbedürfnis nach Informationsvearbeitung befriedigen.

3. Beispiele für relevantes Wissen

Eminent relevantes Wissen ist das oben erwähnte Menschenbild. Das ist das erste, was ich vorstelle, wenn ich einer Gruppe (Schüler, Studenten, Fortbildungsteilnehmer) gegenüber stehe. Ganz wichtig für Lehrer ist in diesem Zusammenhang die Einsicht, dass wir Menschen sehr gerne Unsinn machen, überall wo das möglich ist und bevorzugt natürlich im Unterricht. Wenn man uns aber spannende Handlungsfelder anbietet, die uns ermöglichen, unsere Bedürfnisse nach Informationsverarbeitung zu befriedigen, dann handeln wir in der Regel konstruktiv.  Als Lehrer fokussieren ich auf diese konstruktiven Beiträge. Und nun ein paar Beispiele für relevantes Wissen: wie der Mensch selbst, der sich im Spannungsfeld von antinomischen Bedürfnissen bewegt (Freiheit vs. Gleichheit, Bewegung vs. Ruhe, Klarheit vs. Unbestimmtheit, Integration vs. Differenzierung, Individuum vs. Gesellschaft), lösen sich in der Geschichte der Menschheit die Epochen ab: Mittelalter (Ängstlichkeit, Wunsch nach Ordnung, Blick nach oben zu Gott, Pessimismus) vs. Renaissance (Risikobereitschaft, Offenheit und Aushalten von Unbestimmtheit, Blick auf die Welt, Optimismus). Wer das versteht, kann die Epochen einordnen (auch Kunst, Literatur, Philosophie, pädagogische Vorstellungen).

4.  Weiteres relevante Wissen: “Allgemeinbildung”

Um den Alltag besser in den Griff zu bekommen ist es wichtig, dass man über ein Grundwissen verfügt, mit dem man historische und aktuelle Ereignisse  verstehen und einordnen kann. Daher vermittele ich meinen Schülern Grundkenntnisse in Geschichte, sofern sie das Verständnis der heutigen Welt erleichtern: Palästinakonflikt, Liberalismus vs. Dirigismus, Materialismus vs. Idealismus, Christentum und Islam, Hedonismus vs. Asketismus, Zentralismus vs. Federalismus, usw. Und nun biete ich in der Volkshoschule einen Kurs an, der innerhalb von zwei Semestern alle wesentlichen Ereignisse der Weltgeschichte auf den Punkt bringt. Auf diese Weise soll jeder Teilnehmer über ein klares Raster (Strukturwissen) verfügen, das ihm einen spielerischen Umgang mit der Entwicklung der Welt ermöglicht und ihm die kognitive Durchdringung auch seines eigenen Lebens erleichert.

Fazit Relevantes Wissen ermöglicht die Einordnung der Alltagserlebnisse in einen größeren Kontext und macht uns handlungsfähiger, also glücklicher.

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9 Antworten

  1. Immer wieder werden wir mit den Begriffen Wissensgesellschaft, Komplexität von Wissen, kollektives Wissen… konfrontiert.

    Ich denke es geht genau darum zunächst einen groben Rahmen der Einordnung von Wissen zu schaffen, um dieser Komplexität begegnen zu können… ein Tool um sich zurechtzufinden.
    Die Detailfragen können dann bei Interesse selbst recherchiert, erarbeitet, angeeignet werden – oder man entscheidet sich aus dem “sicheren Rahmen” heraus, dass es in Ordnung ist an Thema XY nicht in die Tiefe zu gehen.

    Wir können nicht jedes Thema bis ins Detail wissen (wollen). Die Zeiten von Universalgenies ist definitiv vorbei. Es kann nur darum gehen sich zurechtzufinden…
    Von daher finde ich deine Strategie, z.B. in Geschichte, optimal… schade, dass ich Geschichte anders “eingepaukt” bekommen habe…

    Den Lehrenden ist anscheinend immer noch zu selten bewusst, welche Verantwortung sie haben, welche Grundsteine gelegt werden…
    Deine Methode bringt Interesse für Wissensbildung hervor, die andere häufig Frust und Abneigung zum Lernen… Wissen…

  2. @Alexander
    Danke für die positive Einschätzung. Was meine Kollegen angeht: es ist sehr schwierig, Strukturwissen aus der Menge der Detailinformationen herauszudistillieren. Das kann man erst, glaube ich, wenn man ziemlich alt ist. Ferner wird an den Universität kaum Struktur- sondern Detailwissen vermittelt. Wie sollen dann die jungen Lehrer nach dem Studium etwas anderes lehren als das, was sie in der Hochschule gelernt haben?

  3. hi ihr beiden,
    ich glaube, auch in den vergangenen Zeiten gab es nicht wirklich leute, die alles gewusste haben (universalgenies); mir erscheint das auch eher ein nette legende. man könnte sich fragen, warum man solche legenden überhaupt erfunden hat/braucht und käme bestimmt auf lustige antworten.
    ansonsten muss man nicht so verzweifeln an dem thema: auch ohne lehrer, schulen, hochschulen lernt der mensch (ob er will oder nicht), die frage wäre nur, was und lernt er das, was ihm anerkennung bringt und anerkannt wird? zur veranschaulichung dient wie immer ein kleines beispiel: es gab vor nicht allzu langer zeit ein spielidee namens ‘pokemon’. hunderte verschiedene namen, charakteristika und deren generische abhängigkeiten habe ich von 8-9 jährigen aufsagen gehört … eine stolze leistung … wird aber nicht wirklich als lern-leistung anerkannt. dagegen würde das aufsagen der chemischen elemente schon etwas stärker honoriert werden.

    ich glaube auch, dass das alter einem nicht die gabe gibt, strukturen besser zu erkennen. es ist vermutlich eher so, dass man die datails aus dem auge verliert/nicht mehr zur kenntnis nimmt, weil man sich an deren verallgemeinerung bereits gewöhnt hat (perzeptive deprivation) …

  4. @Itari
    Meinst du nicht, dass man im Laufe der Zeit immer wieder mit Sachverhalten konfrontiert wird, die offensichtlich für den Gang der Welt wichtig sind, über die wir aber in Schule oder Universität nie richtig informiert wurden. Beispielsweise die Situation in Palästina, die Geschichte und die Funktionsweise der UNO oder der EU, das Problem Indien/Pakistan/Kashemir, usw. Daher mein Angebot eines VHS-Kurses, in welchem ich die Wissensbasics vermittele, die ermöglichen, dass man zumindest die 20.00Uhr Nachrichten versteht.

  5. Ich meine mit dir, dass man im Laufe der Zeit immer wieder mit Sachverhalten konfrontiert wird … aber muss man in Schule oder Uni darüber informiert werden, um es richtig zu verstehen? Es gibt viele Gelegenheiten, sich Wissen und eine Meinung über das kleine oder große Weltgeschehen anzueignen, z. B. durch die Familie, die Bekannten, die Arbeitskollegen, die Medien/Internet. Klar auch auf Veranstaltungen, wie VHS, Gewerkschaft, Partei, Verein, Club, Ausstellungen, Theater, Barcamp usw. oder auf Bildungsurlaub oder Lehrgängen, zu denen man vom Arbeitgeber entsendet wird. Aber es müssen nun nicht unbedingt organisierte Lehrveranstaltungen sein; es kann manchmal auch nur das Gespräch mit meiner Frisöse/Friseurin/Frisörin/Friseuse sein, damit frau die 20:00Uhr Nachrichten versteht :)

    PS. Sie ist Meisterin und bildet auch aus …

  6. Je frueher man bescheid weiss, desto schneller lassen sich die neuen informationen einordnen. Daher moechte ich in schule und unis die basics vermitteln, die den permanenten weiteren Aufbau von Wissen erleichtern.

  7. @jpm
    Ich lese Ihren blog immer noch regelmässig.
    Eines muss ich aber noch los werden: ich bewundere Ihre Geduld, Professionalität und Höflichkeit bei negativen oder energieverschwendenden Kommentaren von anderen Lesern. Das macht diese zumindest erträglicher… nur leider nicht produktiver.
    Freu mich aber schon auf die nächsten blogs.

  8. @cko
    Dass Sie meine Einträge regelmäßig lesen, freut mich natürlich sehr. Wie Sie wissen, ist gerade der Zuspruch von Leuten, die mich seit einem Jahrzehnt sehr gut kennen, wie Sie, sehr wichtig.
    Ansonsten glaube ich, dass Ihre Schelte vielleicht zu streng ist. Viele, die sich als Kommentatatoren hier – gelegentlich kritisch – melden, untertützen meine Arbeit sehr. Das würden Sie sehen, wenn Sie auch mit uns twittern würden. Der Blog ist ja nur eine Seite der Diskurse, in Twitter passiert auch sehr viel und die meinsten Kommentatoren twittern ja mit mir.

  9. [...] mache es ja äußerst ungern, aber dieser Link zum relevanten Wissen Begriff von Jean-Pol passt gut, Martin beschreibt den Begriff des noch aus einer anderen [...]

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