Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Bausteine 1 bis 5.

1. Baustein 1: Kontrollkompetenz

Die Politik soll Bedingungen schaffen, die allen Bürgern eine Erweiterung ihrer Kontrollkompetenz ermöglichen. Das sind  Voraussetzungen, um Glückschancen zu erhöhen.

2. Baustein 2: Flow

Flowerlebnisse sind Glückserlebnisse. Die Politik soll Bedingungen schaffen, die die Generierung von Flowerlebnissen begünstigen.

3. Baustein 3: Antinomische Bedürfnisstruktur

Oft werden glückbehindernde Dissonanzen durch einen Mangel an Kenntnisse über die menschliche Nagur erzeugt. Die Politik soll die antinomische Bedürfnisstruktur des Menschen erkennen und die gesellschaftlichen Strukturen entsprechend gestalten.

4. Baustein 4: Konzeptualisierung

Die Lebenserhaltung verlangt vom Menschen, dass er permanent Informationen zu Konzepten umformt. Die Politik soll dafür sorgen, dass in allen Bereichen intensive Konzeptualisierung ermöglicht wird.

5. Baustein 5: Terminologie

Eine moderne Politik braucht ein auf dem Stand der Forschung stehendes anthropologisches Konstrukt. Es soll auf den jüngeren Erkenntnissen der Gehirnforschung und der Glücksforschung fußen.

Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Baustein 5: Terminologie.

Eine moderne Politik braucht ein auf dem Stand der Forschung stehendes anthropologisches Konstrukt. Es soll auf den jüngeren Erkenntnissen der Gehirnforschung und der Glücksforschung fussen. Die Theorie bedient sich einer Reihe rekurrenter Begriffe, die hier aufgelistet und mit entsprechenden Artikeln (Wikipedia, ZUM, Martins Blog) verlinkt werden. Eine größere Anzahl von Artikeln habe ich selbst angelegt oder mitformuliert.

Aktionsforschung

Aufmerksamkeitsökonomie

Bildung

Emergenz

Exploratives Verhalten

Gehirn (Gruppe als…)

Glücksmodell

Informationsverarbeitung (als Grundbedürfnis…)

Inkubation

Klassenraumdiskurs

Kollektive Intelligenz

Kollektive Wissenskonstruktion

Komplexitätsreduktion

Konzeptualisierung

Lernen durch Lehren

Lernerkonstrukt

Linearität (a priori vs. a posteriori)

Neuronales Netz (Gruppe als…)

Neuronenmetapher

Netzsensibilität

Partizipationsfähigkeit

Perturbation

Reaktionsschwelle

Redundant (einspeisen…)

Resonanzraum

Ressourcenorientierung

Ruhmraum

Selbstreferentialität (legitime…)

Spermatozoidenmetapher

Synergierausch

Weltverbesserung

Wissenscontainer

Blogeinträge mit allen Begriffen in einem Zusammenhang:

Klassenraumdiskurs

Legitime Selbstreferenzialität

Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Baustein 4: Konzeptualisierung.

Die Lebenserhaltung verlangt vom Menschen, dass er permanent Informationen zu Konzepten umformt. Die Politik soll dafür sorgen, dass in allen Bereichen intensive Konzeptualisierung ermöglicht wird.

1. Informationsverarbeitung und Glück

Lange Zeit war ich der Auffassung, dass ein zentrales Grundbedürfnis über die von Maslow beschriebenen Bedürfnisse hinaus die Informationsverarbeitung sei. Das war auch richtig. Ohne permanente Informationsverarbeitung sind Lebewesen nicht in der Lage, sich an die Veränderungen der Umwelt anzupassen und sie sind nach kurzer Zeit nicht mehr lebensfähig. Daher ist auch der Prozess der Informationsverarbeitung im Gehirn positiv verknüpft: es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten. Allerdings nicht jede Information. Es bedarf einer bestimmten Beschaffenheit der Stimuli:

- Quantität: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

- Komplexität: nicht zu komplex (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

- Tempo: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

Wer mehr über die Eigenschaften von besonders motivationsförderlichen informativen Stimuli erfahren will, findet in Portele (1975) sehr präzise Beschreibungen.

2. Informationsverarbeitung und Kontrolle

Die Informationsverarbeitung ist nicht das Ziel, sondern nur Mittel. Tatsächlich ist das alles überragende Ziel die Lebenserhaltung. Und alle Handlungen, die zur Lebenserhaltung beitragen, müssen emotional mit starken positiven Gefühlen verknüpft werden, damit der Organismus motiviert wird, diese Handlungen auch unter großen Anstrengungen  durchzuführen. Dies gilt für alle lebenserhaltenden Funktionen wie auch die Nahrungsaufnahme oder den Geschlechtsverkehr. Auf der emotionalen Ebene münden alle diese lebenserhaltenden Handlungen, wenn sie erfolgreich sind, in ein Erlebnis, das alle anderen einschließt und überragt: das Gefühl der Kontrolle! Dieses Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem von Csikszentmihalyi beschriebenen Floweffekt. Wenn er die absolute Kontrolle erreicht, belohnt sich der Organismus selbst mit dem größten emotionalen Pick, den er zur Verfügung hat: mit dem Flow!

3. Konzeptualisierung, Kontrolle und Flow

Seit längerer Zeit beobachte ich an mir selbst, dass zwar Informationsverarbeitung mit positiven Gefühlen verbunden ist, dass aber vor allem die Konzeptualisierung mit Flow belohnt wird. Unter Konzeptualisierung verstehe ich die Erstellung von kognitiven Schemata die umfangreiche Informationen zu kompakten, handlungsmotivierenden Modellen bündeln. Hier ein paar Beispiele: in meiner Uni-Zeit habe ich gerne Überblicke angeboten: die Geschichte der französischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, die Geschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart usw. Solche Überblicke zu erstellen bedeutete eine sehr harte Arbeit der Komplexitätsreduktion. Ähnliches galt für Stadt- oder Museumbesuche, die ich im Schweinsgalopp (strait to the essentials) mit den Schülern zu deren großen Belustigung durchführte (z.B. Le Louvre in 30 Minuten). Jetzt im Ruhestand macht es mir besonders Spaß, Hegel oder Schopenhauer in jeweils 20 Minuten meinen Philosophiegruppen vorzustellen. Auch das setzt Konzeptualisierung voraus. Durch eine enorme intellektuelle Anstrengung gelingt es mir, einen hochkomplexen Stoff so zu reduzieren und komprimieren, dass ich ihn spielerisch meinen Hörern vermitteln kann. Die Teilnehmer loben besonders den lustverschaffenden Charakter dieser Einheiten. Der Flow, der bei mir entsteht, möchte ich näher beschreiben (am Beispiel der Vermittlung von Hegel):

Sehr wichtig ist, dass man von Anfang an die Gruppe vor Augen hat, der man das Wissen vermitteln wird, denn die im Geiste vorweggenommene Freude der Adressaten motiviert zu der Anstrengung, die man sich als Dozent auferlegt.

- 1. Stufe: die Masse der zu beherrschenden Informationen (Hegels Leben und Werk) vermittelt zunächst ein Gefühl der Hilflosigkeit

- 2. Stufe: Es werden erste kleinere Wissenseinheiten erstellt, so dass die Kontrolle in Teilbereichen wächst (man versteht, was Hegel unter An-Sich-Sein, Anders-Sein und An-und-für-Sich-Sein meint:-)). Allerdings überwiegt noch das Gefühl der Hilflosigkeit.

- 3. Stufe: Schrittweise werden Verständnislücken geschlossen. Auch sperrige Begriffe (An-und-für-Sich-Sein) werden allmählich zu spielerischen Objekten, die man später den Teilnehmern repetitiv zur Belustigung anbieten wird. Man freut sich schon im Voraus und der Flow gewinnt an Fahrt.

- 4.Stufe: Die einzelnen, zunächst getrennten Wissensbausteine (z.B. bei Hegel der “subjektiver Geist”, der   “objektiver Geist”, der “absoluter Geist”) werden zusammengefügt und es entsteht ein Gesamtgebilde, das zur Präsentation drängt. Man möchte seiner Gruppe unbedingt den lustigen Hegel vorstellen. Vom subjektiven Flow, zum objektiven Flow und zum absoluten Flow!:-))

- 5.Stufe: Die Handlungskomponente: wichtig ist, dass die vermittelten kognitive Schemata (Hegels Gedanken) zur Handlung drängen. Die Teilnehmer verstehen beispielsweise Hegels Dialektik und wenden dieses Prinzip bei der Interpretation  ihrer eigenen Alltagswelt an. Da sie Hegel “verstanden” haben und “kontrollieren”, wollen sie ihn im Anschluss weitergeben, usw… Flow -> Flow-> Flow…

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Informationsverarbeitung zwar einen Beitrag zur Kontrolle liefert, aber die umfassende, lebenserhaltende und lebensförderliche Kontrolle lässt sich stabil erst durch permanente Konzeptualisierung erreichen.

4. Methodische Implikationen für Schule und Hochschule

Natürlich fördern die im Zuge der Digitalisierung entwickelten neuen didaktischen Konzepte die Informationsverarbeitung auf Seiten der Schüler und Studenten. In diese Richtung würde ich das Konzept des flipped-classroom einordnen. Es stellt sich aber die Frage, ob  diese Methoden ausreichend das Konzeptualisieren einüben und mit Floweffekt belohnen. Will man die aktuelle und künftige Kontrollfähigkeit der Lerner systematisch trainieren, so bietet sich beispielsweise Lernen durch Lehren an, bei dem von Anfang an der Blick der Studenten auf eine (möglichst vergnügliche) Vermittlung des Stoffes an ihre Mitstudenten gerichtet ist.

Fazit: Schüler und Studenten sollten daran gewöhnt werden, nicht nur Informationen zu verarbeiten, sondern aus diesen Informationen handlungsleitende Konzepte zu erstellen. Das Konzeptualisieren wird von Flow begleitet. So kann schrittweise Kontrollkompetenz aufgebaut werden. Dazu scheint Lernen durch Lehren eine gute Methode zu sein.

Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Baustein 3: Antinomische Bedürfnisse.

Oft werden glückbehindernde Dissonanzen durch einen Mangel an Kenntnisse über die menschliche Nagur erzeugt. Die Politik soll die antinomische Bedürfnisstruktur des Menschen erkennen und die gesellschaftlichen Strukturen entsprechend gestalten.

1.3. Die Grundbedürfnisse und das Spannungsfeld zwischen antinomischen Bedürfnistendenzen
Um die Operationalisierbarkeit des hier dargestellten anthropologischen Modells zu erhöhen, muss noch ein weiterer Baustein eingeführt werden. Wenn man erfährt, dass der Mensch nach Kontrolle strebt, dann stellt sich die Frage, wie er sich selbst kontrollieren kann. Dazu muss er wissen, nach welchen inneren Gesetzmäßigkeiten er selbst „funktioniert“. Wie „funktioniert“ der Mensch also als System? Welche Bedürfnisse hat er und wie befriedigt er sie. Als nützlich hat sich zum Verständnis menschlicher Funktionsweise die Bedürfnispyramide von Maslow (Maslow 1981) erwiesen. Maslow postuliert eine Ebene der physiologischen Grundbedürfnisse (Hunger, Schlaf, Sexualität), auf einer höheren Stufe siedelt er das Sicherheitsbedürfnis an, auf der nächsten Stufe das Anschlussbedürfnis und das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, auf der nächsthöheren das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und schließlich das Bedürfnis nach Transzendenz, also danach, seinem Leben einen Sinn zu geben. Eine Analyse dieser Grundbedürfnisse deckt auf, dass sich alle von Maslow aufgelisteten Bedürfnisse unter die Oberkategorie „Kontrollbedürfnis“ einordnen lassen: die physiologischen Bedürfnisse entsprechen der Selbsterhaltung und der Arterhaltung, also der Kontrolle über die eigene Existenz, das Bedürfnis nach Sicherheit ist mit dem Bedürfnis nach Kontrolle gleichzusetzen, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und nach Gruppenzugehörigkeit entspricht dem Wunsch nach sozialem Schutz, also ebenfalls nach Kontrolle, und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entspricht dem Drang, die eigene Kontrolle auf unterschiedliche Felder auszudehnen, also die Kontrollfelder zu erweitern. Das Bedürfnis nach Transzendenz schließlich entspricht dem Wunsch nach kognitiver Kontrolle über das eigene Leben: Warum lebe ich, was passiert nach dem Tod?
Das zweite wesentliche Instrument zum Verständnis menschlicher Funktionsweise liefert die Systemtheorie. Systeme – auch Menschen – bewegen sich im Spannungsfeld zwischen antinomischen Bedürfnistendenzen:
􀂾 zwischen Integration – jeder möchte beispielsweise zu einer Gruppe gehören – und Differenzierung
– jeder möchte auch als Individuum betrachtet werden,
􀂾 zwischen Einfachheit – bei einfachen Aufgaben ist das Kontrollgefühl sehr hoch – und Komplexität
– jeder möchte auch komplexe Aufgaben lösen,
􀂾 zwischen Chaos und Ordnung,
􀂾 zwischen Freiheit und Zwang,
􀂾 zwischen Klarheit und Unbestimmtheit usw.
Jede Störung des Gleichgewichts leitet eine Handlung ein, die eine Wiederherstellung des Gleichgewichtszustandes zum Ziele hat. Da das Leben stets voranschreitet, wird das Gleichgewicht stets gestört, und der Mensch ist ständig zum Handeln gezwungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig zum Verständnis von Menschen. Denn kaum gibt man ihnen beispielsweise Freiheit, schon wünschen sie sich mehr „Druck“, kaum gibt man Ihnen etwas mehr Zwang, schon wünschen sie mehr Freiheit. Dies gilt für alle anderen Antinomien. Wenn man sich als Mensch verstehen will, wenn man mit Menschen umgeht und sie anleiten will, muss man wissen, dass sie als Systeme nie im Gleichgewicht sind. Psychologisch übersetzt heißt es, dass sie nie zufrieden sein können, denn die Befriedigung eines Bedürfnisses enthält potenziell die Nichtbefriedigung des gegenteiligen. Der Einblick in die Grundbedürfnisse des Menschen und in die antinomische Struktur von Bedürfnistendenzen erleichtert das Verständnis menschlichen Handelns und erhöht die Kontrollkompetenz des Einzelnen im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen.

Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Baustein 2: Flow.

Flowerlebnisse sind Glückserlebnisse. Die Politik soll Bedingungen schaffen, die die Generierung von Flowerlebnissen begünstigen.

1.2. Flow-Erlebnisse als Handlungsmotivation
Grundsätzlich lässt sich nur dann ein exploratives Verhalten aufbauen, wenn die damit verbundenen Handlungen einen Belohnungswert besitzen. In Untersuchungen über intrinsische Motivation wurde ein Phänomen herausgearbeitet, das eine große Erklärungskraft besitzt. Es handelt sich um den Flow-Effekt, wonach gewisse Aktivitäten ein hohes Potential an intrinsischer Befriedigung enthalten (Csikszentmihalyi 1999). Das Erlebnis selbst wird als einheitliches Fließen beschrieben, ein Fließen von einem Augenblick zum anderen, wobei eine Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein geschieht, ein völliges Aufgehen in der Aktivität bis zur Selbstvergessenheit, ohne aber die Kontrolle über die Aktivität zu verlieren. Die Bedingungen, die zum Hervorbringen solcher Gefühle erfüllt werden müssen, sind folgende:
􀂾 die Nähe zu kreativem Entdecken und Explorieren: etwas Neues entwerfen oder entdecken, einen unbekannten Ort oder Bereich erkunden
􀂾 ein Problem lösen, Anforderungen bewältigen, Schwierigkeiten lösen
􀂾 Erfahrungen machen, deren Ausgang offen ist und der vom Ausübenden bestimmt werden kann
􀂾 Hinausgehen über das Erreichte und Bekannte, ein Gefühl der Selbstentgrenzung erleben
􀂾 das Ausschöpfen der Fähigkeiten, persönliches Können.
􀂾 klare Handlungsanforderungen und eindeutige Rückmeldungen über die Handlung
􀂾 ein Gefühl der Kontrolle über die Handlung und die Umwelt
Beim Entstehen des Flow-Erlebnisses spielt also die Kontrolle eine entscheidende Rolle.

Bedürfnistheoretisch fundierte Politik. Baustein 1: Kontrollkompetenz.

Die Politik soll Bedingungen schaffen, die allen Bürgern eine Erweiterung ihrer Kontrollkompetenz ermöglichen. Das sind  Voraussetzungen, um Glückschancen zu erhöhen.

1.1. Kontrollkompetenz, exploratives Verhalten und Problemlösekompetenz:
In der Psychologie wird die Kontrolle als zentrale Dimension menschlichen Erlebens betrachtet (Dörner 1983). Sie vermittelt der handelnden Person das Gefühl, dass sie das „Handlungsfeld im Griff“ hat und auftretende Schwierigkeiten meistern kann. Damit die Schüler Geläufigkeit beim Meistern unbekannter Situationen gewinnen, ist es günstig, wenn bei ihnen eine explorative Haltung systematisch aufgebaut wird. Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Nun besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem explorativen Verhalten eines Menschen und seiner Problemlösefähigkeit. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten, kognitiven Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Bereiche anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten. Wodurch bringt man aber Menschen dazu, sich explorativ zu verhalten?

Zur Verbreitung meiner Theorie. 12.12.2014.

Quelle: “‘Weltverbesserungskomptenz’ als Lernziel” (JP.Martin, 2002) (aufsatz2002-2(2))

(…)
1.1. Kontrollkompetenz, exploratives Verhalten und Problemlösekompetenz:
In der Psychologie wird die Kontrolle als zentrale Dimension menschlichen Erlebens betrachtet (Dörner 1983). Sie vermittelt der handelnden Person das Gefühl, dass sie das „Handlungsfeld im Griff“ hat und auftretende Schwierigkeiten meistern kann. Damit die Schüler Geläufigkeit beim Meistern unbekannter Situationen gewinnen, ist es günstig, wenn bei ihnen eine explorative Haltung systematisch aufgebaut wird. Unter explorativer Haltung versteht man die Bereitschaft von Menschen, sich in Situationen zu begeben, die ein hohes Maß an Unbestimmtheiten enthalten. Nun besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem explorativen Verhalten eines Menschen und seiner Problemlösefähigkeit. Die logische Kette lässt sich folgendermaßen beschreiben: explorative Menschen suchen Felder auf, mit denen sie nicht vertraut sind, und versuchen, sich in diesen Feldern problemlösend zu behaupten. Jede auf diese Weise gewonnene Erfahrung wird zu einem abstrakten, kognitiven Schema verarbeitet. Je mehr Erfahrungen, desto mehr Schemata, desto breiter die kognitive Landkarte. Eine breite kognitive Landkarte sichert Kontrolle über mehr Bereiche, sie ermöglicht eine schnellere Verarbeitung neuer Eindrücke und schützt vor emotionalen Einbrüchen. Sie sichert, dass neue Situationen erfolgreich bewältigt werden. Das Gefühl der Kontrolle festigt sich, das Selbstbewusstsein wächst und dadurch die Bereitschaft, unbekannte Bereiche anzugehen, also sich erneut explorativ zu verhalten. Wodurch bringt man aber Menschen dazu, sich explorativ zu verhalten?
1.2. Flow-Erlebnisse als Handlungsmotivation
Grundsätzlich lässt sich nur dann ein exploratives Verhalten aufbauen, wenn die damit verbundenen Handlungen einen Belohnungswert besitzen. In Untersuchungen über intrinsische Motivation wurde ein Phänomen herausgearbeitet, das eine große Erklärungskraft besitzt. Es handelt sich um den Flow-Effekt, wonach gewisse Aktivitäten ein hohes Potential an intrinsischer Befriedigung enthalten (Csikszentmihalyi 1999). Das Erlebnis selbst wird als einheitliches Fließen beschrieben, ein Fließen von einem Augenblick zum anderen, wobei eine Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein geschieht, ein völliges Aufgehen in der Aktivität bis zur Selbstvergessenheit, ohne aber die Kontrolle über die Aktivität zu verlieren. Die Bedingungen, die zum Hervorbringen solcher Gefühle erfüllt werden müssen, sind folgende:
􀂾 die Nähe zu kreativem Entdecken und Explorieren: etwas Neues entwerfen oder entdecken, einen unbekannten Ort oder Bereich erkunden
􀂾 ein Problem lösen, Anforderungen bewältigen, Schwierigkeiten lösen
􀂾 Erfahrungen machen, deren Ausgang offen ist und der vom Ausübenden bestimmt werden kann
􀂾 Hinausgehen über das Erreichte und Bekannte, ein Gefühl der Selbstentgrenzung erleben
􀂾 das Ausschöpfen der Fähigkeiten, persönliches Können.
􀂾 klare Handlungsanforderungen und eindeutige Rückmeldungen über die Handlung
􀂾 ein Gefühl der Kontrolle über die Handlung und die Umwelt
Beim Entstehen des Flow-Erlebnisses spielt also die Kontrolle eine entscheidende Rolle.

1.3. Die Grundbedürfnisse und das Spannungsfeld zwischen antinomischen Bedürfnistendenzen
Um die Operationalisierbarkeit des hier dargestellten anthropologischen Modells zu erhöhen, muss noch ein weiterer Baustein eingeführt werden. Wenn man erfährt, dass der Mensch nach Kontrolle strebt, dann stellt sich die Frage, wie er sich selbst kontrollieren kann. Dazu muss er wissen, nach welchen inneren Gesetzmäßigkeiten er selbst „funktioniert“. Wie „funktioniert“ der Mensch also als System? Welche Bedürfnisse hat er und wie befriedigt er sie. Als nützlich hat sich zum Verständnis menschlicher Funktionsweise die Bedürfnispyramide von Maslow (Maslow 1981) erwiesen. Maslow postuliert eine Ebene der physiologischen Grundbedürfnisse (Hunger, Schlaf, Sexualität), auf einer höheren Stufe siedelt er das Sicherheitsbedürfnis an, auf der nächsten Stufe das Anschlussbedürfnis und das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, auf der nächsthöheren das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und schließlich das Bedürfnis nach Transzendenz, also danach, seinem Leben einen Sinn zu geben. Eine Analyse dieser Grundbedürfnisse deckt auf, dass sich alle von Maslow aufgelisteten Bedürfnisse unter die Oberkategorie „Kontrollbedürfnis“ einordnen lassen: die physiologischen Bedürfnisse entsprechen der Selbsterhaltung und der Arterhaltung, also der Kontrolle über die eigene Existenz, das Bedürfnis nach Sicherheit ist mit dem Bedürfnis nach Kontrolle gleichzusetzen, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und nach Gruppenzugehörigkeit entspricht dem Wunsch nach sozialem Schutz, also ebenfalls nach Kontrolle, und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entspricht dem Drang, die eigene Kontrolle auf unterschiedliche Felder auszudehnen, also die Kontrollfelder zu erweitern. Das Bedürfnis nach Transzendenz schließlich entspricht dem Wunsch nach kognitiver Kontrolle über das eigene Leben: Warum lebe ich, was passiert nach dem Tod?
Das zweite wesentliche Instrument zum Verständnis menschlicher Funktionsweise liefert die Systemtheorie. Systeme – auch Menschen – bewegen sich im Spannungsfeld zwischen antinomischen Bedürfnistendenzen:
􀂾 zwischen Integration – jeder möchte beispielsweise zu einer Gruppe gehören – und Differenzierung
– jeder möchte auch als Individuum betrachtet werden,
􀂾 zwischen Einfachheit – bei einfachen Aufgaben ist das Kontrollgefühl sehr hoch – und Komplexität
– jeder möchte auch komplexe Aufgaben lösen,
􀂾 zwischen Chaos und Ordnung,
􀂾 zwischen Freiheit und Zwang,
􀂾 zwischen Klarheit und Unbestimmtheit usw.
Jede Störung des Gleichgewichts leitet eine Handlung ein, die eine Wiederherstellung des Gleichgewichtszustandes zum Ziele hat. Da das Leben stets voranschreitet, wird das Gleichgewicht stets gestört, und der Mensch ist ständig zum Handeln gezwungen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig zum Verständnis von Menschen. Denn kaum gibt man ihnen beispielsweise Freiheit, schon wünschen sie sich mehr „Druck“, kaum gibt man Ihnen etwas mehr Zwang, schon wünschen sie mehr Freiheit. Dies gilt für alle anderen Antinomien. Wenn man sich als Mensch verstehen will, wenn man mit Menschen umgeht und sie anleiten will, muss man wissen, dass sie als Systeme nie im Gleichgewicht sind. Psychologisch übersetzt heißt es, dass sie nie zufrieden sein können, denn die Befriedigung eines Bedürfnisses enthält potenziell die Nichtbefriedigung des gegenteiligen. Der Einblick in die Grundbedürfnisse des Menschen und in die antinomische Struktur von Bedürfnistendenzen erleichtert das Verständnis menschlichen Handelns und erhöht die Kontrollkompetenz des Einzelnen im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen.

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